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Cunningham, Michael - Die Stunden




Cunningham, Michael - Die Stunden

Beitragvon Pippilotta » 01.01.2008, 18:06

OT: The Hours
294 Seiten
Verlag Luchterhand 2000
ISBN: 978-3630870618


Cunningham beschreibt in diesem Buch jeweils einen Tag im Leben von 3 Frauen in den Jahren 1923, 1949 und am Ende des 20. Jahrhunderts, die alle durch Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ miteinander verbunden sind.

1923 in Richmond, einem Vorort von London: Virginia Woolf schreibt den ersten Satz ihres Buches – das später „Mrs. Dalloway“ heißen wird – nieder: „Mrs Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selber kaufen.“ Die Schriftstellerin ist auf der ständigen Flucht vor ihren Kopfschmerzen und vor dem Hören von Stimmen, die sie allmählich um den Verstand bringen. Aus diesem Grund überredete sie ihr Mann Leonard, die pulsierende Hauptstadt London zu verlassen um in Richmond zu mehr Ruhe und Erholung zu kommen. Doch Virginia ist unglücklich in Richmond, sie sehnt sich nach London zurück. Während sie die Vorbereitungen für den Besuch ihrer Schwester trifft, kreisen ihre Gedanken ständig um ihre Protagonistin Clarissa Dalloway und feilt sie den ganzen Tag am Konzept dieses neuen Werkes.

Laura Brown ist mit dem liebevoll-biederen Kriegsveteranen Dan verheiratet und lebt mit ihrem sehr anhänglichen 3jährigen Sohn Ritchie im Los Angeles des Jahre 1949 und erwartet ihr zweites Kind. Nach außen hin muss sie sich zwingen, die von ihr erwartete Rolle als treusorgende Mutter und pflichtbewusste Hausfrau zu spielen. Doch nur sich selber gesteht sie ein, wie unbefriedigend dieses Leben für sie ist. Ihre Liebe gilt den Büchern und nimmt sie die Unpässlichkeiten ihrer Schwangerschaft zum Vorwand, um noch ein wenig länger als normal im Bett zu bleiben und Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ zu lesen, der sie sich innerlich sehr verbunden fühlt. Eine enorme Todessehnsucht prägt Laura Brown und spielt sie immer öfter mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen.

Clarissa Vaughn kauft Blumen, denn sie hat sich bereit erklärt für ihren aidskranken Freund und ehemaligen Geliebten, dem Schriftsteller Richard, der sie liebevoll „Mrs. Dalloway“ nennt, anlässlich einer Literatur-Preisverleihung eine Party auszurichten. Aufgrund der Besucherliste werden immer wieder Erinnerungen wach und lässt sie so Phasen ihres Lebens Revue passieren.

In jeweils abwechselnden Kapiteln erzählt Cunningham vom Innenleben der Protagonistinnen, aber auch der Personen in deren Umkreis, von Liebe, Glück und Freundschaft. Ruhig, kunstvoll, formvollendet und durchdacht verwebt er die Parallelen, die sich aus den ähnlichen Situationen und Gefühlslagen der drei Frauen ergeben. Jede möchte für sich ausbrechen, fühlt sich überfordert, kann oder will das Glück nicht erkennen. Eine latente Todessehnsucht und Melancholie sowie die bekannten und wiederkehrenden Namen (Clarissa, Mrs. Dalloway, Richard) runden dieses Bild ab. Eine gekonnte Wendung zum Schluss verbindet das Schicksal der Frauen überraschend.

Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ habe ich vor längerer Zeit gelesen. Es ist sicher nicht Voraussetzung zum Verständnis für „Die Stunden“ doch jedenfalls förderlich, um in Cunninghams Buch versinken zu können. Ganz große Literatur, von mir eine echte Empfehlung!

:stern: :stern: :stern: :stern: :stern:

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Beitragvon Siebenstein » 01.01.2008, 18:24

Was für ein Zufall, @Pippi, du liest das Buch und ich habe gestern den Film gesehen, zum zweiten Mal übrigens - einer meiner absoluten Lieblingsfilme. :thumright:

Das Buch habe ich noch ungelesen im Regal stehen. Ich habe es mir erst gekauft, nachdem ich den Film zum ersten Mal gesehen hatte. Normalerweise ist es ja eher so, dass es ein Film schwer hat, dem Buch, nach dem er gedreht wurde, das Wasser zu reichen. Ich weiß nicht wieso, aber bisher habe ich mich an das Buch nicht so recht herangetraut, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass es mit diesem beeindruckenden Film mithalten kann. Deine Rezi läßt mich das nochmal überdenken, vielen Dank für die schöne Besprechung! :thumright:

Liebe Grüße
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Beitragvon Krümel » 01.01.2008, 18:40

Ich nehme es im Blog auf, danke :D
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Beitragvon Pippilotta » 01.01.2008, 20:06

Ich bin auch durch den Film aufs Buch aufmerksam geworden. Den Film sah ich nur ausschnittsweise (war aber sehr angetan von Meryl Streep und v.a. Nicole Kidman, die ich sonst nicht so mag), habe ihn aber aufgenommen. Und mir fest vorgenommen, zuerst das Buch zu lesen. Woraufhin ich dann "Mrs. DAlloway" gelesen habe in der falschen Meinung, das wäre das Buch zum Film. Bis ich dann das "richtige" Buch gelesen habe, verging wieder ein Jahr. Jetzt ist es aber so weit. Und möglicherweise (falls ich den Fernseher heute Abend "kriege",) werde ich mir heute noch den Film von Anfang bis Ende anschauen.
Ich werde dann berichten!
Herzliche Grüße
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Beitragvon Pippilotta » 02.01.2008, 19:55

Gestern habe ich den Film noch geschaut und bin hin und weg :love:

Das Buch wurde GRANDIOS umgesetzt, die schauspielerischen Leistungen sind herausragend, die Stimmung, die Atmosphäre, die Musik einfach stimmig und rundum absolut gelungen!

Jetzt bin ich sogar am Zweifeln ob es ratsam ist, das Buch zu lesen, wenn man den Film schon kennt. Ich wage nämlich zu behaupten, dass der Film besser ist als das Buch! Vor allem die Übergänge (von einer Frau zur anderen) sind extrem gut gelungen. Die Gemeinsamkeiten kommen so richtig zum Tragen (das habe ich im Buch nicht so verbindend empfunden).

Fazit: Empfehlenswert ist natürlich zuerst das Buch zu lesen und dann den Film zu sehen! Im Buch gibt es doch viele Gedanken und Hintergründe und es trägt zum besseren Verständnis einiger Szenen im Film bei.

Wenn jemand aber das Buch nicht lesen mag, dann muss er UNBEDINGT den Film sehen! Genial!

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Beitragvon Siebenstein » 03.01.2008, 21:00

Das freut mich aber, dass dir der Film auch so gut gefallen hat. Er ist ja wahrlich keine leichte Kost, und ich kann mir vorstellen, dass er von vielen als zu deprimierend empfunden wird. Ich fand ihn genial, vor allem schauspielerisch aber auch was den Aufbau angeht. Wenn man das Buch nicht kennt, dauert es eine Weile, bis man eine Verbindung zwischen den drei Handlungssträngen herstellen kann, aber wenn der Groschen dann gefallen ist und sich am Ende alles zusammenfügt, ist man zutiefst beeindruckt von dieser Meisterleistung.

Hat dich der Junge auch so berührt? Ich fand es beklemmend, wie dieses Kind gespürt hat, dass seine Mutter "gehen" will. Das ist mir wirklich durch und durch gegangen. Auf der anderen Seite konnte ich mich aber auch sehr gut in die Mutter einfühlen, wie überhaupt in alle Charaktere - kein Wunder, so genial wie diese gespielt wurden. Ich habe mich nach dem Film gefragt, ob manches Leid im Leben trotz aller Liebe und Bemühungen einfach unvermeidbar ist...

Liebe Grüße
Siebenstein :wink:
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Beitragvon Pippilotta » 03.01.2008, 22:19

Die Rolle des Kindes kam v.a. im Film viel besser rüber. Im Buch wird der Schwerpunkt mehr auf seine Mutter, Laura Brown, gelegt. Ihre Beweggründe, ihre Verzweiflung, ihre innere Unzufriedenheit, der Drang, auszubrechen und dann einfach das Pflichtgefühl, das sie ihre Rolle spielen lässt. Sie redet sich selber ein "ich bin eine gute Mutter", "Dan liebt mich, ich muss funktionieren, ich darf nicht jammern, ich darf nicht unzufrieden sein, ich habe keinen Grund dazu" usw.
In Laura konnte ich mich sehr gut hineinversetzen! Aber, wie Du schon sagtest, auch in die anderen zwei Frauen.

Es sind typische "Frauenschicksale" und egal ob 1923, 1949, 1999 oder 2007, sie spielen sich wohl täglich so ab! Sehr berührend, sehr treffend. Ich habe den Film sicher nicht zum letzten Mal gesehen!!
Herzliche Grüße
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Beitragvon tom » 04.01.2008, 02:07

Ich hatte es ja irgendwo schon geschrieben, dass dieser Film bei mir echt eingeschlagen ist. Ist vielleicht die Gelegenheit Euch zu sagen, dass wir samstagsabends quasi immer zusammen uns eine DVD anschauen. Ich hatte keine Ahnung, was mich mit "The hours" erwartete und war richtig groggy hinterher, konnte kaum aufstehen. Die schauspielerische Leistung der drei Frauen ist wahnsinnig,
Ihr spracht mehr von Laura. Mich beruehrte z.B. auch das ploetxlich hereinbrechende Gefuehl an Relativitaet, Infragestellung und Nichtigkeit bei der empfangenden Hausfrau. (Clarisse?) Teils mit einer Kopfhaltung angedeutet...
Aehnliches gilt fuer die Kidman, die Virginia spielt: wie sie die schreibendem kreierende Schriftstellerin spielt - Wahnsinn!
tom
 

Beitragvon wolves » 04.01.2008, 12:51

Jetzt habt ihr mich endgültig doppelt neugierig gemacht, sowohl auf das Buch (das ja bekanntlicherweise bei mir subbt) als auch auf den Film.
Ich sehe gerade, der Film kostet nur 8,85 EUR bei Amazon. Das wäre ja schon ein Kauf wert.
Liebe Grüße
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Beitragvon Pippilotta » 04.01.2008, 20:20

Der Film wird relativ oft im TV gesendet (zuletzt letzte Woche).
Ich könnte Dir auch eine Kopie der DVD schicken .... aber vorher solltest Du das Buch lesen, wäre sonst wirklich schade!

mein Vorschlag: Du liest ehest das Buch und als Belohnung bekommst du von mir die DVD :wink:
Herzliche Grüße
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Beitragvon wolves » 04.01.2008, 21:06

Pippilotta hat geschrieben:mein Vorschlag: Du liest ehest das Buch und als Belohnung bekommst du von mir die DVD :wink:


:D Den Vorschlag nehm ich doch gerne an! :danke: :bussi:
Liebe Grüße
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Beitragvon Pippilotta » 04.01.2008, 21:52

abgemacht! :lol:
Herzliche Grüße
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