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Trojanow, Ilja - Der Weltensammler




Trojanow, Ilja - Der Weltensammler

Beitragvon Pippilotta » 21.08.2006, 19:18

Auch wenn ich das Buch abgebrochen habe, verdient es doch einen eigenen Thread. Wie ich aus manchen Reaktionen im "Ich lese gerade ..." Thread schließe, stößt das Buch durchaus auf Interesse und ich bin sehr gespannt, was andere zum Buch zu sagen haben.

Inhalt von Amazon

Ein spannender Roman über den englischen Abenteurer Richard Burton (1821-1890). Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der Behörden anonym in den Kolonien herum. Trojanows farbiger Abenteuerroman über diesen Exzentriker zeigt, warum der Westen bis heute nichts von den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat.

Ich habe leider nur das erste Drittel - Britisch-Indien - geschafft. Ich habe für knapp 200 Seiten fast 1 Woche gebraucht. Das Buch ist sehr mühsam zu lesen, die Begeisterung, die rund um das Buch herrscht, kann ich nicht wirklich nachvollziehen.

Vorweg - es ist ist ausgezeichnet, wunderbar, phantasievoll geschrieben, sprachlich und stilistisch hervorragend, und detailliert recherchiert. Trotzdem kann ich mich nicht so recht mit dem Buch anfreunden. Die unzähligen Ausdrücke in Originalsprache (Sanskrit, etc) nerven mich gewaltig. Natürlich erhält dadurch das Buch Authentizität, doch wenn man pro Seite oftmals bis zu 5 x im Glossar (am Ende des Buches) wegen der Bedeutung nachschauen muss, dann artet für mich das Lesevergnügen in Arbeit aus und der Lesefluss ist immens gestört.

Die "direkte Rede" wird ohne Satzzeichen dargestellt (was mich allerdings auch bei Saramago oder Geiger nicht gestört hat), man muss allerdings auch jedesmal überlegen, wer mit wem redet.

Vielleicht ist mir auch der Kulturkreis zu fremd, als dass ich mich für die Geschichte begeistern kann. Es werden wohl viele Gedanken angesprochen, die mir sehr zusagen. Z.B. geht es vorwiegend darum, wie einfach bzw. schwierig es ist, sich einem anderen Kulturkreis anzupassen. Genügen das Erlernen von Sprache, die Übernahme von Gedankengut und Kleidung um sich einer anderen Kultur einmischen zu können und dort nicht als "Fremder" erkannt zu werden? Oder spielen doch die geschichtliche Entwicklung, die familiären Wurzeln und Traditionen (die eben nicht erlernt werden können) eine viel größere Rolle.

Eine besondere Zeile ist mir ins Auge gefallen, die die Thematik recht gut zusammenfasst:
"Fasten ist nicht dasselbe wie Hungern"

Ebenfalls sehr anschaulich beschrieben wird die Thematik rund um christiliche Missionarisierung und Aufdrängen des europäischen Lebensstils.

Ein Buch, dass ich als literarisch wertvoll bezeichnen würde, das mir persönlich aber aufgrund oben genannter Umstände einfach zu mühsam ist.
Mich täte übrigens der Prozentanteil interessieren, wieviele von den gekauften Büchern (das Buch ist ja nun schon wochenlang in den Bestsellerlisten ganz oben) auch vollständig gelesen wurden! :wink:

:stern: :stern: ( :stern: )

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Herzliche Grüße
Pippilotta


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von Anzeige » 21.08.2006, 19:18

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Beitragvon marilu » 16.09.2006, 08:33

Ich habe gelesen, dass das Buch in der Shortlist zum Deutschen Buchpreis ist.

Vielleicht nehme ich das als Anreiz, es anzulesen?! Mal sehen...
Scharfsinnig bin ich von Montag bis Freitag. Übers Wochenende leiste ich mir den Luxus der Dummheit.
- Henry Slesar: Die siebte Maske -
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Beitragvon Krümel » 16.09.2006, 09:50

Ich habe diesen Thread verschoben nach Belletristik, denn er steht dort ja auch unter den ersten Top 10 :wink:

Nächstes Jahr werde ich dieses Buch auch mal anlesen, aber nach Pippis Rezi bin ich mir nicht sicher, ob das was für mich ist :?
BildLiebe Grüße,
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Beitragvon alixe » 13.09.2008, 21:25

Hey Pippilotta, bei diesem Buch sind wir uns schon mal begegnet... :mrgreen:

__________________________


In seinem Vorwort schreibt Trojanow: « (…) sind die Romanfiguren sowie die Handlungen überwiegend ein Produkt der Phantasie des Autors und erheben keinen Anspruch, an den biographischen Realitäten gemessen zu werden. (…)

Dieser Roman liest sich auch nicht als Biographie, sondern als packender, gut recherchierter und äußerst figurativ geschriebener Abenteuerroman.
Bereichernd sind die sich abwechselnde Auslegungen verschiedener Erzähler.


1.Britisch-Indien

Trojanows sinnliche Sprache hat mich überwältigt, es gelang ihm, mich in eine mir völlig unbekannte Welt hinein zu ziehen und seine genaue Beschreibung der prägnanten Unterschiede der Lebensart, Religion, Tradition und ethischen Werten zwischen den englischen Besatzern und der einheimischen Bevölkerung ist gewiss auch das Ergebnis seiner persönlichen Erfahrungen während seines vierjährigen Aufenthaltes in diesem vielsprachigen Land.
Trotzdem kommt er nicht umhin mit Klischees zu arbeiten, die Hauptcharakterisierung der Inder wird in zwei Gegensätzen dargestellt: sie sind unterwürfig oder stolz und geheimnisvoll.

2.Teil: Arabien

Dieses Kapitel gefiel mir am besten. Die Menschen um Burton haben mehr Persönlichkeit, die Schilderung der religiösen Zeremonien sind bildhaft und urteilslos, Burtons Beobachtungen detailliert und seine Überlegungen ausgereift.
Seine Faszination für den islamischen Glauben wird vertieft ohne unrationell zu wirken.
Trojanows Sinn für Humor, den ich in die Welt ist groß und Rettung lauert überall zu schätzen gelernt habe, ist stark ausgeprägt.

3.Teil: Ostafrika

Leid, Angst, Folter, Krankheit und Tod begegnet der Leser im ganzen Buch, doch all diese Aspekte spielen die Hauptrolle bei der Suche nach der Nilquelle.
Würde man die Erlebnisse nicht auch aus der Perspektive von Burtons Begleiter Sidi Mubarak Bombay erfahren, wäre dieses Kapitel ein einziger schlammiger Sumpf voller Hoffnungslosigkeit, Misere und Niedertracht.

Ich hätte dieses Buch gerne in einer Leserunde gelesen, so viele Details sind erwähnenswert, nicht nur Burtons Geschichte, sondern auch Trojanows Schreibkunst hat mich immer wieder angenehm überrascht.
Der Roman ist gewiss in vielen Hinsichten eine euphemistische Schilderung der vielseitigen Persönlichkeit Richard Francis Burton, doch Trojanow kann ich es ohne Wimperzucken verzeihen.
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Beitragvon wolves » 14.09.2008, 09:11

Das wird bei mir eine Lektüre für die "Ohren" werden. :wink: Ich habe das Hörbuch zu Hause und hatte auch schon mal kurz reingehört. Der Anfang ist einfach herrlich gemacht und Frank Arnauld (hoffentlich habe ich seinen Namen richtig geschrieben und in Erinnerung) ein sehr angenehmer Sprecher.
Liebe Grüße
wolves


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Beitragvon Krümel » 05.06.2009, 12:55

Also ich bin bisher begeistert :D Endlich mal wieder ein Buch, das so rund-herum glücklich machen kann :wink:
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Beitragvon Krümel » 04.07.2009, 11:20

Dieser Roman hielt nicht was er von der Presse her verspricht!

Ilija Trojanow erzählt fiktiv im „Weltensammler“ das Leben des Richard Burton. Der Roman ist in drei Teile untergliedert, die die Aufenthalte des Weltenbummlers aufzeigen: Indien, Arabien und Ostafrika. Dabei hält sich der Autor an ein Konzept, welches den Protagonisten von außen her beschreibt und die direkte Innensicht im Wechsel.

Der erste Teil liest sich wunderbar romanhaft, er lässt die Figuren leben und beschreibt das Land mit all seinen Eigenheiten und seinen Bewohner. Burton ist für seine Landsleute ein komischer Kauz, denn anstatt sich an ihre kolonialen Gepflogenheiten zu halten, studiert er lieber diese fremde Religion und die unterschiedlichen Sprachen Indiens. Sein erster Diener Naukaram wird ihm dabei eine wichtige Stütze. Durch ihn lernt er seinen Sprachlehrer kennen, ein indischer Gelehrter und Meister, sowie seine einzige Liebe im Leben. Eine Tempel-Tänzerin, die sich aus den Fängen der Priester befreien kann, und auch sie findet mit Burton ihre Liebe.
Dadurch dass sich der Engländer innerhalb kürzester Zeit in den Sprachen des Landes mit den Einheimischen gekonnt verständigen kann, zieht er das Misstrauen der englischen Krone auf sich. Unehrenhaft wird er nach acht Jahren aus dem Dienst entlassen, weil seine Ausflüge ins Land der Besetzten zu wilden Spekulationen verleiten. Auch wird ihm Unglaube nachgesprochen, stände ihm doch die neuen Götter näher als Gott. Eine Krankheit kommt der Krone ganz recht um diese Angelegenheit vertuschen zu können.

Dieser erste Abschnitt hat mir sehr gut gefallen. Die Sprache ist bunt und einfühlsam und liest sich sehr angenehm. Doch ab dem zweiten Teil missfiel mir das Buch immer mehr. Trojanow legt immer mehr Wert auf die Expeditionen Burtons, seine Beschreibungen werden komplizierter, so dass man gehörig aufpassen muss am Ball zu bleiben. Zudem trägt auch keine angenehme Geschichte mehr den Verlauf, und das ständige Hin-und-Her-Springen nervt.

Ilija Trojanow, 1965 in Bulgarien geboren, in Kenia aufgewachsen, studierte und arbeitete viele Jahre in Deutschland. Seit 1998 lebt er in Bombay. Ein Kosmopolit per excellence! Trojanow ist Autor, unter anderem bei Hanser, Herausgeber und Verleger des Marino Verlages in München, der 1999 dem Programm von Frederking & Thaler angegliedert wurde. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit afrikanischer Geschichte, Kultur und Literatur.

Bewertung: :stern: :stern: :stern:
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Krümel



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Beitragvon wolves » 02.09.2009, 12:14

wolves hat geschrieben:Das wird bei mir eine Lektüre für die "Ohren" werden. :wink: Ich habe das Hörbuch zu Hause und hatte auch schon mal kurz reingehört. Der Anfang ist einfach herrlich gemacht und Frank Arnauld (hoffentlich habe ich seinen Namen richtig geschrieben und in Erinnerung) ein sehr angenehmer Sprecher.


Das Hörbuch ist eine von Trojanow autorisierte gekürzte Fassung seines Buches. Es wurde so "geschickt" gekürzt, dass es mir nicht sonderlich aufgefallen ist.
Ich habe dieses Hörbuch sehr genossen. Jede Reise hatte ihre eigene musikalische Untermalung, was eine absolute Bereicherung dargestellt hatte.
Nun wurde hier schon mal angesprochen, dass die vielen Ausdrücke in der Originalsprache als störend im Lesefluss empfunden wurden. Ich selbst habe es beim hören des Buches nicht so empfunden. Da ich das Buch "gehört" habe, befürchtete ich erst, dass ich Zusammenhänge nicht verstehen würde, aber dem war nicht so. Wenn es mich unbedingt interessiert hatte, konnte ich das entsprechende Wort im Glossar (war auch beim Hörbuch dabei) nachschlagen. Das habe ich vielleicht mal zwei- oder dreimal getan.

Für mich war es eine überaus spannend erzählte Geschichte, in der ich ein- und abtauchen konnte.
Den zweiten Teil hatte ich wenigstens zweimal gehört, so interessant empfand ich ihn. Da waren mir so viele unbekannte Details.

Es werden wohl viele Gedanken angesprochen, die mir sehr zusagen. Z.B. geht es vorwiegend darum, wie einfach bzw. schwierig es ist, sich einem anderen Kulturkreis anzupassen. Genügen das Erlernen von Sprache, die Übernahme von Gedankengut und Kleidung um sich einer anderen Kultur einmischen zu können und dort nicht als "Fremder" erkannt zu werden? Oder spielen doch die geschichtliche Entwicklung, die familiären Wurzeln und Traditionen (die eben nicht erlernt werden können) eine viel größere Rolle.
Das ist eine interessante Frage, Pippi. Burton hatte ja seine jeweilige Rolle im ersten Teil perfekt gespielt. Fast wäre er ja auch gestorben, wenn ihm sein Diener nicht so überaus hartnäckig geholfen hätte.
Ich denke letzteres (also geschichtliche Entwicklung, familäre Wurzeln usw usf) spielen die ausschlaggebendere Rolle. Immerhin konnte sich Burton einer Kultur annähern.
Liebe Grüße
wolves


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