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Damm, Sigrid - Christiane und Goethe. Eine Recherche




Damm, Sigrid - Christiane und Goethe. Eine Recherche

Beitragvon Karthause » 28.05.2007, 12:51

Kurzbeschreibung www.amazon.de
"Wärst Du nur jetzt bei mir! Es sind überall große breite Betten, und Du solltest Dich nicht beklagen, wie es manchmal zu Hause geschieht. Ach! mein Liebchen! Es ist nichts besser als beisammen zu sein. Wir wollen es uns immer sagen." (Goethe an Christiane.)
Nach aufwendiger Spurensuche entwirft Sigrid Damm ein gültiges Porträt von Goethes Geliebter und späteren Ehefrau Christiane Vulpius. Gleichzeitig zeichnet sie das Bild einer spannungsvollen Partnerschaft, einer Verbindung, die 28 Jahre währte. Ins Blickfeld rücken auch der Lebensalltag Goethes in den Jahren 1788 bis 1816, die Entstehungsbedingungen seines Werkes und sein Verhältnis zu Frauen."(...) ein akribischer, fesselnder Dokumentarbericht (...). So manche Legende löst sich dabei auf (...). Die junge Frau, die der Minister Goethe nach der Rückkehr aus Italien zu seiner Geliebten machte, war couragiert, lebenstüchtig und keineswegs überdreht." (Der Spiegel)

Über den Autor
Sigrid Damm wurde 1940 in Gotha/Thüringen geboren, dort aufgewachsen. 1959-65 Studium der Germanistik und Geschichte in Jena (Dr. phil.). 1965 bis 1970 Hochschullehrerin in Jena. Seit 1970 Kritikerin und Herausgeberin in Berlin, seit 1978 freie Schriftstellerin. 1993 Gastdozentin an den Universitäten Glasgow und Edinburgh. 1994 Gastprofessorin in Hamburg. Mitglied des P.E.N.. Lebt in Berlin und in Roknäs/Nordschweden.

Meine Meinung

Etliche Werke von Goethe habe ich sehr gern gelesen. Seine Gedichte liebe ich. Aber wie ist der Mensch Goethe, mit wem teilt er sein Leben und seine Gedanken? Kann ich den Menschen Goethe mit dem Zitat von ihm „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, das bei bloßer Nennung des Dichterfürsten sofort in meinem Kopf spukt, identifizieren. Christiane Vulpius fällt mir ein, sein "Bettschatz" und spätere Ehefrau. Ich wollte mehr wissen, deshalb kam mir der Tipp von Wirbelwind gerade recht.

Christiane Vulpius (eigentlich Christiana) war mir bis dahin nur als „ein rundes Nichts“ (Charlotte v. Schiller) bekannt, die ihr Leben im Hintergrund führte. Sigrid Damm zeigte mir eine ganz andere Christiane als ich sie erwartete. Sie belegte mit Briefen und diversen historischen Dokumenten, dass Christiane eine anpackende, couragierte und leidenschaftliche Frau war. Sie hielt Goethe den Rücken frei, ermöglichte ihm dadurch ein ungestörtes Schaffen. Sie verwaltete seine Ländereien und führte seinen Haushalt. Sie liebte das Leben in allen Facetten, das Essen und das Trinken, das Tanzen und das Reisen und die Liebe. Mit fortschreitenden Alter bekam sie Depressionen, häufig begleiteten sie nun Krankheiten und über den Tod von 4 ihrer Kinder, die scheinbar gesund zur Welt kamen und nur wenige Tage nach der Geburt starben, kam sie nie ganz hinweg.

Aber mit jeder Seite, die ich in diesem Buch las, wandelte sich auch mein Goethe-Bild. Er war ehrgeizig, verfolgte seine dichterischen, politischen und wissenschaftlichen Ziele bis zur Besessenheit. In seinem Ehrgeiz war sein Egoismus maßlos. Er hungerte nach Anerkennung und Erfolg. Blieb dieser aus oder gab es für ihn unangenehme Situationen flüchtete sich der große Dichter in (eingebildete) Krankheiten, so auch beim Tod Christianes. Auf seinen diversen Reisen und Kuren tankte er neue Energie. Er ließ sich von der Natur und den Damen der Gesellschaft inspirieren, die auch mal mehr als nur ein Äuglein für ihn waren.

Christianes Leben war nicht leicht. 18 Jahre lebte sie die freie Liebe. Der gemeinsame Sohn August war bereit 17 Jahre alt, als das Verhältnis legitimiert wurde. Für das Weimar der damaligen Zeit war diese „wilde Ehe“ ein noch nie da gewesener Skandal. Aber beide setzten sich über geltende Konventionen und Etikette hinweg und lebten ihre Liebe. Ich bin jetzt nach dem Lesen dieses Buches fest davon überzeugt, dass sowohl für Christiane als auch für Goethe die große Liebe war. In einigen Briefen, manchmal auch nur zwischen den Zeilen, fand ich Beweise dafür.

Sigrid Damm hat mich mit ihrer Recherche sehr beeindruckt. Sie analysiert die historischen Hintergründe ebenso wie die noch erhaltenen Dokumente aus der damaligen Zeit. Damit schafft sie ein eindrucksvolles Zeitbild des Weimar zur Goethezeit. Gut gefallen haben mir die immer wieder eingefügten Originaltexte. Das erforderte beim Lesen zwar mehr Konzentration, macht aber die Recherche äußerst lebensnah. An einigen wenigen Stellen verlor sie den dokumentarischen roten Faden und stellte eigene Spekulationen an. Im Großen und Ganzen hielt sie aber den authentisch-rationalen Erzählstil durch.

Selten habe ich eine Biographie gelesen, die so spannend und zugleich so informativ geschrieben wurde, dass mich das Buch auch in den Gedanken nicht los ließ. Ich freute mich auf jede neue Lesestunde und fieberte darauf, die neuen Beiträge meiner Mitleserinnen der kleinen Leserunde zu lesen.

Dieses Buch ist auf jeden Fall ein Lesetipp, der Lust macht, mehr von der Familie Goethe zu erfahren.

:stern: :stern: :stern: :stern: / :stern:

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Viele Grüße
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Beitragvon Krümel » 28.05.2007, 13:47

Das Buch steht schon auf meinem Notizblock, denn ich mag interessante Bios. Über Goethe habe ich schon eine Bio gelesen, und zwar die von Richard Friedenthal, die gefiel mir auch ganz gut.
Danke für die Rezi :thumleft:
BildLiebe Grüße,
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Beitragvon marilu » 28.05.2007, 14:27

:shock: Oh, eine abschließende Bewertung habe ich ja auch noch nicht geschrieben. :shock:

Sie wird bei Gelegenheit folgen. Das hat die Biografie wahrlich verdient! Danke, dass du das Schreiben des "Eingangsthreads" übernommen hast - ichhätte nicht gewusst, wo anzufangen. Zur Zeit bin ich sowieso nicht recht in der Rezensierungsstimmung - ich hoffe, das bessert sich bald wieder.

Bis dahin schonmal meine Sternchenbewertung vorweg:

:stern: :stern: :stern: :stern: / :stern:
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Beitragvon wolves » 28.05.2007, 19:36

Danke für die schöne Rezi! Wie schon im Chat erwähnt, das Buch liegt noch ungelesen bei meinem berühmt berüchtigten Bücherstapel. Um so mehr freue ich mich schon darauf es irgendwann wieder in meinen Händen halten zu können.
Vielleicht klappt dann ja auch eine Mini-Leserunde mit Siebenstein (wenn ich es richtig in Erinnerung habe, dann hattest du doch auch Interesse daran?). Und wer weiß, vielleicht gibt es ja bis dahin noch andere Interessenten (zu Krümel rüberwink).
Liebe Grüße
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Beitragvon Krümel » 28.05.2007, 21:07

wolves hat geschrieben:Vielleicht klappt dann ja auch eine Mini-Leserunde mit Siebenstein (wenn ich es richtig in Erinnerung habe, dann hattest du doch auch Interesse daran?). Und wer weiß, vielleicht gibt es ja bis dahin noch andere Interessenten (zu Krümel rüberwink).


Ich könnte es mir als Weihnachtsleserunde vorstellen, sagt jetzt so mein Bauchgefühl :wink:
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Beitragvon wolves » 29.05.2007, 17:20

Schauen wir mal :D
Mittlerweile gebe ich es auf zu spekulieren, wann ich meine Restbücher hierher bringen kann. Und dann darf ich erst mal sortieren und ordnen (darauf freue ich mich ).
Liebe Grüße
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Beitragvon Katia » 19.10.2008, 13:13

Ich hoffe, ihr verzeiht mir, dass ich trotzdem es ein SUB-Wettbewerb-Buch war, keine "vollständige" Rezension schreibe - Karthauses ist so aussagekräftig und und ausführlich, dass mir inhaltlich da weniges zu schreiben bliebe. Daher hier also "nur" meine Eindrücke:

Sigrid Damm nennt ihr Buch eine "Recherche", vermeidet das Wort Biographie, findet aber mit "Christiane und Goethe" einen prägnanten Titel - handelt es sich hierbei doch um eine Doppelbiographie, um die Biographie einer Liebe und ihres Alltags. Sie umfasst dabei Christianes Lebenszeit und schließt die Zeit bevor die beiden sich kennenlernen ausführlich ein. Das ist wichtig, denn so kann der Leser gut beurteilen aus welchen Verhältnissen das späte Ehepaar stammt und wie Goethe sich in seine Rolle als Dichterfürst hineinlebt.
Ihre intensive Quellenarbeit kann der Leser an jeder Stelle des Buchs, das bestimmt aus einem Viertel Zitate besteht, merken; auch ihre "Unsicherheit", die wie Karthause erwähnt manchmal ins Spekulative fällt. Gut dabei hat mir aber gefallen, dass sie immer klar macht, was belegt und was Vermutung ist. Natürlich hätte man es als Leser manchmal gerne genauer gewusst, aber wenn es keine Quellen gibt, so können wir nur unsere eigenen Vermutungen nähren und uns ein immer intensiveres Bild von Christiane und Goethe machen.
Nicht verstanden habe ich ihre Anmerkung über Christiane/a - aus den Briefen etc. scheint mir relativ klar hervorzugehen, dass diese Endung bei Frauennamen damals oft (als Koseform? oder schlicht die Deklination von Eigennamen, die bei Goethe ja noch üblich war) von a zu e geändert wird. So wird Bettina Brentano auch öfter Bettine geschrieben.
Trotz allem kann ich nicht verleugnen, dass mich in der zweiten Hälfte des Buchs die Figur Goethe mehr interessiert hat als sein "Hausschatz". Ob diese unbedingte und egoistische Hingabe an seine Arbeit, diese Flucht vor emotionalen Aufregungen in die Krankheit wohl ein notweniger Schutzpanzer eines Genies ist? Sind ihm seine Mitmenschen manchmal so egal oder reagiert er so empathisch, dass er sich anderer Menschen Leid vom Halse halten muss?
Und Christiane! War sie stolz seine Ehefrau zu sein, der Stand der sich ihr dadurch bot? Beeindruckt hat sie mich weniger durch ihr "Goethe den Rücken freihalten" oder ihre perfekte, engagierte Haushaltsführung, sondern durch den Mut, diese Liebe zu leben, jahrelang ohne die Absicherung einer Heirat.

Eine anregende, unterhaltende und interessante Lektüre, die ihr schnell von Eurem SUB befreien solltet! Ich schließe mich Euren Sternchen an:

:stern: :stern: :stern: :stern: / :stern:

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Beitragvon Karthause » 19.10.2008, 18:02

Hach, was freue ich mich, dass dir dieses Buch von Sigrid Damm auch gefallen hat. ehrlich gesagt, ich war mir nicht so sicher. Frag mich nicht warum, das war so ein Bauchgefühl. Um so schöner, dass du uns auch in der Bewertung folgen kannst. :D
Viele Grüße
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Beitragvon wolves » 19.10.2008, 18:07

Und ich freue mich immer mehr darauf dieses Buch zu lesen und Goethe etwas näher kennen zulernen!
Liebe Grüße
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Re: Damm, Sigrid - Christiane und Goethe. Eine Recherche

Beitragvon Casoubon » 18.11.2010, 14:07

Beim Lesen von dem Buch "Das Leben von Friedrich Schiller. Eine Wanderung." von Sigrid Damm wurde mein Interesse für die Thematik "Goethe und Christiane" geweckt - da bot sich dieses Buch einfach an.

In dem Buch kann man Goethe als Mensch kennenlernen, als Privatmann, als Ehemann, als Vater. Wie in ihren anderen Büchern vermischt Sigrid Damm erzählerische Elemente mit historischen Quellen, um das Leben von Goethe und Christiane zu beleuchten. Dabei ist es in meinen Augen ihre große Stärke, dass sie sich nicht ausschließlich auf das Haus Goethe beschränkt, sondern auch die Menschen um sie herum zu Wort kommen läßt.

Die Autorin schafft es, ein lebendiges Bild der weitesgehend unbekannten Christiane Vulpius zu zeichnen, zu zeigen, welche Rolle sie im Leben des Dichters Goethe gespielt hat. Dies ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass die meisten Schriftstücke von ihr verloren gegangen sind - Sigrid Damm musste zwangsläufig auf die wenigen erhaltenen Briefe und Schriftstücken von anderen zurückgreifen. Mit diesem Buch bekommt die langjährige Lebensgefährtin einen Raum, in dem ihre Persönlichkeit zur Entfaltung kommen kann.

:stern: :stern: :stern: :stern: :stern:

LG
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Re: Damm, Sigrid - Christiane und Goethe. Eine Recherche

Beitragvon Karthause » 18.11.2010, 17:42

Klasse, dass es dir auch so gefallen hat. :thumleft:
Viele Grüße
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