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Didion, Joan - Das Jahr magischen Denkens




Didion, Joan - Das Jahr magischen Denkens

Beitragvon Siebenstein » 08.02.2007, 20:25

Joan Didion - Das Jahr magischen Denkens

Aus dem Klappentext :
Vierzig Jahre war Joan Didion mit John Gregory Dunne verheiratet, als er am Abend des 30.Dezember 2003 einen Herzinfarkt erlitt und starb. Das Jahr magischen Denkens erzählt von ihrer Ehe mit dem Schriftsteller, von der eigenen Welt zweier kreativer Menschen, die einander im Leben und in der Arbeit alles waren. Es erzählt von der schweren Krankheit der einzigen Tochter Quintana, die zu dem Zeitpunkt, als ihr Vater starb, auf der Intensivstation eines New Yorker Krankenhauses um ihr Leben kämpfte. Indem sie darüber schreibt, versucht Joan Didion, dem Geschehen einen Sinn abzugewinnen, es einzuordnen in Zusammenhänge von Ursache und Wirkung, von Ordnung und Zweck.

Mein Eindruck:
Joan Didion verliert ihren Mann; ganz plötzlich bricht er am Esstisch zusammen und stirbt. Zur gleichen Zeit liegt Quintana, die gemeinsame Tochter, im Krankenhaus und kämpft um ihr Leben. Joan Didion versucht diesen großen Verlust in Worte zu fassen. Sie analysiert ihr Trauer und auch die irrationalen Gedanken, die immer wieder Besitz von ihr ergreifen. So stimmt sie beispielsweise im Krankenhaus einer Autopsie zu, in der verzweifelten Hoffnung "noch etwas zu retten". Sie erträgt den Gedanken an einen Nachruf in der New York Times nicht, weil sie dann einer breiten Öffentlichkeit erlauben würde zu denken, dass ihr Mann tot ist. Und lange Zeit kann sie seine Schuhe nicht weggeben, denn "er würde Schuhe brauchen, wenn er zurückkam".

Sehr schön fand ich die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit, an die große Nähe und die vertraute Routine, die dennoch immer Raum für eigenes gelassen hat. Besonders gefallen hat mir ein Bild, das in meinem Kopf entstand, als ich über die gemeinsamen Spaziergänge im Central Park las, die den beiden zum liebgewonnenen Ritual geworden waren: "Wir gingen nicht immer zusammen, weil wir verschiedene Routen mochten, aber wir behielten die Route des anderen im Kopf, so dass sich beide Routen kreuzten, bevor wir den Park wieder verliessen".

Als dann Quintana, nachdem sie sich schon wieder auf dem Weg der Besserung befand und sogar eine Reise mit ihrem Mann antreten konnte, plötzlich einen dramatischen Rückschlag erleidet und erneut mit dem Tode ringt, versucht Joan Didion das zu tun, was sie in kritischen Situationen bisher immer getan hat, um die Kontrolle zu behalten: "In schwierigen Zeiten, hatte man mir seit der Kindheit beigebracht, soll man lesen, lernen, es durcharbeiten, Literatur befragen. Information heißt Kontrolle." Es geht unter die Haut, mit ansehen zu müssen, wie diese Mechanismen dieses Mal nicht funktionieren; wie sie, die Intellektuelle, die sich immer auf ihren Verstand verlassen konnte, die auch stets zu den privilegierten Menschen in ihrem Land gehörte und sich allein dadurch so manches Problem lösen ließ, nun zum ersten Mal erfahren muss, was es heißt, einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein.

Ein beeindruckendes Buch, das ich allen, die offen für diese Thematik sind, sehr ans Herz legen möchte.

:stern: :stern: :stern: :stern: :stern:

Herzliche Grüße
Siebenstein :wink:


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von Anzeige » 08.02.2007, 20:25

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Beitragvon Pippilotta » 08.02.2007, 20:48

Dieses Buch wurde im November von Iris Radisch im "Literaturclub" vorgestellt.
Als ich Deine Rezi las, erinnerte ich mich wieder daran, dass ich es auf meine Wunschliste setzen wollte! Was ich jetzt getan habe .... :wink:
Herzliche Grüße
Pippilotta


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Beitragvon Pippilotta » 01.07.2007, 14:55

Der wunderbaren Rezension von Siebenstein ist eigentlich gar nichts hinzuzufügen. Vor allem die erwähnten Zitate fand ich auch recht schön.

„Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf.“
Wieviel Leid erträgt ein Mensch? Während ihre einzige Tochter Qunitana im Krankenhaus aufgrund einer heimtückischen Krankheit mit ihrem Leben ringt, muss Joan Didion, eine selbstbewusste und toughe Frau, die zeit Ihres Lebens alles in der Hand und unter Kontrolle hatte, mitansehen, wie ihr Mann und Lebensmensch an Herzversagen stirbt. Sie will und kann dieses Ableben nicht wahrhaben, wie ferngesteuert „funktioniert“ sie weiterhin, organisiert die Formalitäten, informiert Freunde und Bekannte. Trauer lässt sie nicht zu, immer wieder erscheint der Begriff des „Selbstmitleides“.

Sie, die immer alles unter Kontrolle hatte, („Du bist in Sicherheit. Ich bin da.“), die für jedes Problem eine fachmännische Meinung und Lösung findet, steht dieser Situation völlig hilflos gegenüber. In wissenschaftlichen Abhandlungen über Trauerforschung sucht sie Worte und Erklärungen für ihre Gefühle, doch sie wird nicht fündig. Alles klingt lächerlich, überheblich und besserwisserisch, nur wer eine solche Situation wirklich selber erlebt stellt fest, dass man sie nicht in Worte fassen kann.

Ein sehr, sehr schönes Buch und ich kann mir gut vorstellen, dass es Salome gefallen könnte!

:stern: :stern: :stern: :stern:
Herzliche Grüße
Pippilotta


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Re: Didion, Joan - Das Jahr magischen Denkens

Beitragvon Casoubon » 29.09.2010, 09:12

Es ist ein sehr sehr beeindruckendes Buch, in dem man einen sehr intimen Einblick in das Leben einer Frau bekommt, welche sich nur schwer daran gewöhnen kann, als "Witwe" zu leben. Man begleitet sie in ihrem Trauerprozess, ihren Ängsten, ihre Gedankengängen, die das Innenleben einer trauernden Person offenbaren.
Mich hat das Buch sehr berührt.

:stern: :stern: :stern: :stern:

LG,
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