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Grimbert, Philippe - Ein Geheimnis




Ein Geheimnis

Beitragvon Salome » 16.04.2008, 11:19

Hallo Wirbelwind, :D

Ich habe gestern den ersten Teil noch zu Ende gelesen.
Der Stil und die Form des Buchs sprechen mich sehr an, denn ich mag diesen fast lyrischen Aufbau, der ja in vielen kleinen französischen Novellen zu finden ist. Jeder Abschnitt ist für mich quasi wie ein eigenes Gedicht, sehr schön.
Inhaltlich bis jetzt auch überzeugend. Sehr kunstvoll, wie Grimbert Dinge ins Bewußtsein des Lesers bringt. Toll! Die Personen sind lebhaft beschrieben, das Seelenleben des jungen Erzählers liegt offen vor einem.
Ich überlege, wie viel von dem Roman autobiographisch ist? Der Name Grimbert ist ja gleich, auch der Rest?

Bin gespannt auf das weiterlesen und Deine Gedanken hierzu ....
Zuletzt geändert von Salome am 18.04.2008, 08:00, insgesamt 1-mal geändert.
Salome
 

von Anzeige » 16.04.2008, 11:19

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Beitragvon Wirbelwind » 16.04.2008, 20:04

Hallo Salome,
habe das Buch auch gestern begonnen und bin im zweiten Kapitel.
Form und Sprache gefallen mir schon mal sehr gut und der kleine Junge, der sich sehnsüchtig einen Bruder wünscht, beginnt sich in mein Herz zu schleichen. Ich gehe mal davon aus, dass es zumindest autobiographische Züge hat. Meine Neugier ist geweckt und ich will heute etwas länger lesen.
Melde mich dann ausführlicher. Im Augenblick nervt mich mein PC mit seinen Updates.
Bis später :wink2:
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Beitragvon Wirbelwind » 17.04.2008, 10:06

Hallo Salome,
normalerweise lese ich Bücher mit nur 150 Seiten an einem Abend, sehe sie eher als Zwischenmahlzeit. Im Augenblick kann ich jedoch nur auf Sparflamme lesen und so ist das Buch schon mal eine Ideallösung. Desweiteren zeigt es mir, was relativ selten vorkommt, dass die Stärke eines Buches nicht unbedingt in seiner Seitenzahl zu finden ist. Kein Buch für zwischendurch, denn hier wird die Seele eines kleinen Jungen, seine widerstrebenden Empfindungen bis ins Detail geschildert.
Kränkelnd, zart, blass und absolut kein sportlicher Typ - er beschreibt sich als Mängelexemplar. Kein Wunder, dass er den Phantombruder erfindet. Die Entdeckung des Plüschhundes, den er Sim nennt, und die für ihn merkwürdige, wie immer schweigend, bedrückende Reaktion der Eltern. Durch Louise erfährt er scheibchenweise von der Existenz Simons und die steinige Vergangenheit seiner Familie. Zufall, Schicksal?
Das Schweigen soll ein Schutzschild sein, aber es grenzt ihn ab. Nur langsam lichtet sich der Nebel.
Beeindruckt hat mich auch die Prügelszene. Seine Abwehr gegen die gezeigten Bilder und das Gelächter seines Nachbarn.
Das Buch wirkt auf mich inzwischen sehr beklemmend, düster, aber es fesselt mich. Einzelne Darstellungen, Bilder entstehen zum Mosaik.
Ich bin jetzt auf Seite 76 und gespannt was Louises Enthüllungen noch alles zutage bringen.
Das Buch ist zwar als Roman angegeben, aber ich denke, dass es vom Gerüst her wohl eher eine Autobiographie ist.
Habe absichtlich vorher, außer Krümels Rezi, keine Infos zum Buch gelesen, möchte mir erst meine eigenen Gedanken machen.
Wie schreitet dein Lesen voran? Was beeindruckt dich am meisten?

Liebe Grüsse
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Beitragvon Siebenstein » 17.04.2008, 21:16

dubh hat geschrieben:[b] Ein beklemmendes, zutiefst menschliches Buch, das mir unglaublich nahe gegangen ist.



Dieser Aussage kann ich mich voll und ganz anschließen.

Ich habe das Buch am letzten Wochenende beendet und finde seitdem keinen Einstieg in ein anderes Buch. Etliches habe ich angefangen und wieder weggelegt, nichts spricht mich auch nur annähernd so an wie dieses Buch. Ich habe noch so viele, meist ganz kleine Szenen vor Augen, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen (z.B. die überraschende Passkontrolle :-( ). Ein ganz, ganz wunderbares Buch!

Herzliche Grüße
Siebenstein :wink:
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Beitragvon Salome » 18.04.2008, 08:17

Ich bin jetzt bei Teil IV.
Ich teile Deinen Eindruck zur Atmosphäre des Buchs. Es ist wirklich düster und beklemmend. Nicht die ideale Lektüre für mich, die gerade in einer echten Krise steckt. (Ich habe auch die Wohlgesinnten erst einmal zur Seite gepackt.)
Das Buch ist zugegeben fantastisch geschrieben. Solche Beschreibungen wie:
Ich riss mir Wunden am Stacheldraht, der das Schweigen umzäunte.

sind bemerkenswert.
Philippe sieht seine Eltern als geliebte Statuen, das sagt ja schon einiges aus. Hart, unerreichbar, perfekt in Pose... Er wünscht sich so sehr die verdiente Anerkennung (immerhin ist er einer der besten Schüler!) und bekommt sie nicht. Es tut weh das zu lesen, denn man kann sich so gut in den Jungen hineinversetzen. Auch den Hintergrund der Eltern versteht man langsam. Das Geheimnis lüftet sich nun Stück für Stück, sehr spannend zu lesen.

Eines habe ich nicht verstanden, in welcher Beziehung standen die Eltern bevor sie zusammenkamen? Inwiefern waren sie verschwägert?
Salome
 

Beitragvon Wirbelwind » 18.04.2008, 09:51

Ich habe das Buch gestern fertig gelesen.
Zu Anfang hatte ich ein ganz anderes Bild von der Familie und ich habe die Situation auch dann noch nicht richtig erfaßt als ich las - sie waren verschwägert. Der Nebel lichtete sich erst zum Schluß hin und die Geschichte nahm eine völlig andere Wendung.
So ganz ist es mir auch jetzt noch nicht klar. Also Tanias Mann (Robert)war der Bruder von Hannah. Tania war Hannahs Schwägerin, Maxime war Roberts Schwager.
Maxime und Tania waren seit der Hochzeit (von Hannah u. Maxime) ineinander vernarrt. Hannah bemerkte es an den Blicken, hatte Angst Maxime zu verlieren. Damit erklärt sich auch der Satz - sie war mehr Mutter als Frau.
Die Szene mit dem Paß hatte etwas gespenstisches. War Hannah tatsächlich so daneben um dann auch noch ihren Sohn in Gefahr zu bringen?
Man stelle sich die Gegebenheiten vor. Hannah u. Simon werden deportiert. Maxime u. Tania beginnen, ohne zu wissen was mit ihnen geschehen ist, Robert auf dem Schlachtfeld, ein Verhältnis.
Erst da ging mir auf welche Schuld die beiden auf sich luden und warum das Schweigen in der Familie so tief saß.
Iritierend fand ich auch, das Maxime nie Nachforschungen nach dem genauen Verbleib seiner Frau u. seines Sohnes anstellte. Kein Grab, kein Gedenkstein.
Bei der Geburt des kränklichen zweiten Sohnes empfand er diesen als Strafe für die Beziehung. Niederschmetternd.
Das Buch war gut geschrieben, auch wenn mich der Anfang in die falsche Richtung laufen ließ, aber von Freude am Lesen würde ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen. Die Geschichte ist äußerst düster und öffnet wahre Abgründe. Je mehr ich darüber nachdenke, um so tiefer ist das Loch, in welches ich falle.
Trotz allem lesenswert. Ich würde es mit 4 Sternen beurteilen.
Irgendwie bin ich ja fast erleichtert, dass dir auch nicht sofort durch die Erwähnung verschwägert klar wurde, welche Konsequenzen das alles mit sich führt. Oder täusche ich mich?
Hoffe du kannst und willst es noch fertig lesen.

Liebe Grüsse
Wirbelwind
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Beitragvon Salome » 19.04.2008, 07:46

ich bin nun auch durch und absolut begeistert, trotz der Sturzbäche die ich vergossen habe am Ende, habe ich viel positive Kraft aus Grimberts Geschichte mitgenommen. An der Stelle, als er seinen Vater in den Arm nimmt, nachdem er sein Geheimnis aufgedeckt hat war ich bewegt wie lange nicht mehr. Für mich ein hundertprozentiges 5 Sterne Buch und sicher auch ein Kandidat für einige Re-reads !
Salome
 

Beitragvon Wirbelwind » 19.04.2008, 09:07

Hallo Salome,
freut mich, dass du das Buch doch komplett gelesen hast.
Die "Versöhnung" von Vater und Sohn hatte was Schönes, Beruhigendes, Starkes, aber ich kann darüber nicht vergessen welche Wunden dem Kinderherz zugefügt wurden.
Überhaupt gefiel mir der zweite Teil des Buches trotz Erschütterung um einiges besser. Hier fand ich Dramatik, leise Feinheiten, Bekenntnisse, enorme Tiefe, Mitgefühl und Verständnis für das Vorgefallene.
Mein Punkteabzug gilt dem"benebelten" Anfang. :roll:
Schön mit dir das kurze Leseerlebnis geteilt zu haben!

Liebe Grüsse
Wirbelwind

:lesen5: Andrei Makine, Musik eines Lebens
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Beitragvon Pippilotta » 25.12.2008, 22:28

Ich kann den VorleserInnen nur uneingeschränkt zustimmen - dieses Buch ist ein Juwel, ein Kleinod! Wie ich schon eingangs erwähnte, mag ich dünne Büchlein mit viel Inhalt! "Ein Geheimnis" ist so ein Buch.

Genial transportiert wird meiner Meinung nach der Charakter des Jungen. Obwohl das "Geheimnis" mit aller Kraft vor ihm verheimlicht wird, spürt er, trotz der Naivität eines Kindes (oder gerade deshalb) dass etwas nicht stimmt - in Reaktionen, in Blicken, in der Atmosphäre. Das Geheimnis, das er erfährt, ist beklemmend, erschütternd, aber auch sehr ergreifend.

Eine klare Leseempfehlung von mir!

:stern: :stern: :stern: :stern: :stern:
Herzliche Grüße
Pippilotta


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