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Klüger, Ruth - unterwegs verloren




Klüger, Ruth - unterwegs verloren

Beitragvon Pippilotta » 01.06.2009, 21:54

In ihrer 1992 erschienen Autobiografie „weiter leben“ erzählt Ruth Klüger, geb. 1931 in Wien, über ihre Kindheit im antisemitischen Wien, den Verlust ihres Vaters und Bruders, die Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz, sowie über ihre Flucht aus dem KZ kurz vor Kriegsende. 15 Jahre nach „weiter leben“ erschien 2008 mit „unterwegs verloren“, die Fortsetzung der Geschichte dieses bewegten Lebens.

Ruth Klüger emigrierte nach dem Krieg in die USA, studierte dort Bibliothekswissenschaften und Germanistik. Ihr Leben war von einem stetigen Ortswechsel gekennzeichnet, sie unterrichtete an den verschiedensten Universitäten und war bald eine erfolgreiche Literaturwissenschaftlerin. Privat musste sie Niederlagen einstecken, ihre als lieblos und kühl beschriebene Ehe wurde geschieden, sie selber bezeichnet die Scheidung von ihrem Mann und Vater ihrer beiden Söhne als „große Befreiung“. Zu ihren Söhnen hat sie von jeher ein angespanntes Verhältnis. In „unterwegs verloren“ erzählt sie vom ständigen Kampf, sich als Frau (und Jüdin) durchzusetzen, von den Schwierigkeiten, als Alleinerzieherin für den Familienunterhalt verantwortlich zu sein, von ihrer innigen Freundschaft zu Martin Walser, die nach Erscheinen dessen Buches „Tod eines Kritikers“ unheilbar zerrüttet wurde und letztendlich von der Rückkehr nach Deutschland in den 80er Jahren.

Ruth Klüger erzählt selbstkritisch, hart, schonungslos und nicht ohne Zynismus. Ihre Erfahrungen haben sie wohl dazu gebracht. Mir wurde aufgrund dieses Buches das Bild einer sehr egoistischen, mitunter trotzigen und auch misstrauischen Frau vermittelt, die - ohne Rücksicht auf Verluste – ihre eigenen Interessen durchsetzen will, ihre Kinder durch halb Amerika schleppt und sich ständig aufgrund ihres Frau-seins und Jüdin-seins diskriminiert fühlt. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt in die „Nesseln“ setze, fehlt mir ein wenig die Toleranz, ein wenig das „Aufeinander Zugehen“, das doch ein so wichtiger Bestandteil unserer Vergangenheitsbewältigung sein soll.


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von Anzeige » 01.06.2009, 21:54

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Beitragvon wolves » 02.06.2009, 08:36

Danke für deine Rezi, Pippi. Auch hier war ich schon sehr auf deinen Lese-Eindruck neugierig. Ich kannte bis jetzt von Frau Klüger nur "Weiter leben", dass mir bekanntlicherweise sehr gut gefallen hatte.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt in die „Nesseln“ setze, fehlt mir ein wenig die Toleranz, ein wenig das „Aufeinander Zugehen“, das doch ein so wichtiger Bestandteil unserer Vergangenheitsbewältigung sein soll.
Du setzt dich da bei mir nicht in Nesseln rein, ganz im Gegenteil. Ich schreibe das jetzt in aller Vorsicht und in der Hoffnung nicht falsch verstanden zu werden. Ich denke auch, dass Frau Klüger wohl durch ihre Erfahrungen, ihre schrecklichen Erlebnisse zu dem Menschen geworden ist, der sie ist. Ich denke, dass sie im Umgang bestimmt sehr schwierig ist und es sich und ihrer Umwelt nicht leicht macht. Im Grunde bestätigst du mir mit deinen Eindrücken, dass Bild das ich mir von ihr gemacht hatte.
Ich selbst wüßte nicht, zu was für einem Menschen ich geworden wäre, hätte ich so viel mitmachen müssen.
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Beitragvon Krümel » 02.06.2009, 08:40

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Beitragvon Pippilotta » 02.06.2009, 14:32

wolves hat geschrieben: Ich denke, dass sie im Umgang bestimmt sehr schwierig ist und es sich und ihrer Umwelt nicht leicht macht. Im Grunde bestätigst du mir mit deinen Eindrücken, dass Bild das ich mir von ihr gemacht hatte.
Ich selbst wüßte nicht, zu was für einem Menschen ich geworden wäre, hätte ich so viel mitmachen müssen.


Das ist ja genau das Sensible an der Thematik. Ich hab ja gut reden, ich sitz hier mitten in meiner Wohlstandsgesellschaft, hab in meinem Leben noch um nicht viel kämpfen müssen und kann recht leichtfertig mit dem Finger hindeuten und sagen "die ist aber egoistisch, die ist aber hart". Darum ist mir gar nicht wohl bei meinen Zeilen und hab auch Befürchtungen, dass das irgendwie falsch aufgefasst werden könnte.

Auf der anderen Seite MUSS irgendwann mal Schluss sein. Ja, wir müssen aus unserer Vergangenheit lernen, und unsere Vergangenheit ist halt mal in der ersten Hälfte des 20. Jh. nicht rühmlich. Aber uns das Ende des 20. Jh. immer noch vorzuhalten, ohne einen eigenen Schritt Richtung Versöhnung zu machen, das finde ich halt auch ein wenig unzureichend.

Ich jedenfalls werde mir raschest "weiter leben" besorgen .....
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Beitragvon Siebenstein » 08.06.2009, 17:55

Ich habe diesen zweiten Teil von Ruth Klügers Lebenserinnerungen unmittelbar im Anschluß an "Weiter leben" gelesen und deshalb vielleicht einen anderen Zugang gehabt als @Pippi. Für mich war es eine würdige Fortsetzung des ersten Teils, ebenso reflektiert, authentisch und schonungslos geschrieben - schonungslos eben auch sich selbst gegenüber. Diese Art der kritischen Auseinandersetzung mit sich und der eigenen Lebensgeschichte hat mir gut gefallen. Egoismus oder fehlende Toleranz konnte ich nicht feststellen. Ein Dorn im Auge war mir höchstens das persönliche Abrechnen mit einzelnen Personen, die im Buch auch namentlich genannt werden. Ich habe es als Abrechnung empfunden, obwohl Ruth Klüger betont, dass es ihr beim Schreiben nicht in erster Linie um das Verarbeiten von eigenen Kränkungen ging, sondern um das Aufzeigen und Aufrollen von gescheiterten Beziehungen.

Ich habe das Buch ausgesprochen gern und mit großem Interesse gelesen!

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Beitragvon Pippilotta » 11.06.2009, 19:55

Danke,Siebenstein, für deine Eindrücke zum Buch. Die "Abrechnung" mit diversen Personen sah ich auch als Abrechnung, als gekränkte Eitelkeit, was genau in das Bild passt, das ich von Frau Klüger anhand dieses Buches gewonnen habe.

Was ich bei Ruth Klüger so schmerzlich vermisste, habe ich bei Anita Lasker-Wallfisch gefunden. Diese schreibt in ihrem Buch "Ihr sollt die Wahrheit erben" auf Seite 222

Mein maßloser Hass auf Deutschland und die Deutschen ist der Zeit und wohl auch einer gewissen Maturität zum Opfer gefallen. Mit "Hass" vergiftet man nicht nur seine Umwelt, man vergiftet sich selbst. Meinen Eid, nie mehr meine Füße auf deutschen Boden zu setzen, habe ich gebrochen, und zwar 44 Jahre, nachdem ich ihn geleistet habe. [....] Bereut habe ich es nie. [...] Ich verstand schlagartig, dass ich als Augenzeugin und Überlebende des Holocaust und der monumentalen Verbrechen womöglich einen Beitrag leisten könnte. 'Wiedergutzumachen' ist nichts mehr. Aber vielleicht könnte man es in Zukunft 'besser' machen und versuchen, mit vereinten Kräften den Abgrund zwischen Opfern und Tätern - und heute deren Nachkommen - zu überbrücken.
Herzliche Grüße
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Beitragvon Siebenstein » 11.06.2009, 21:50

Ich kann Ruth Klüger nicht so negativ sehen wie du, @Pippi. Von Hass ist in ihren Erinnerungen nie die Rede, im Gegenteil, sie hat immer ihren österreichischen Wurzeln nachgespürt, hat ganz bewußt Verbindung zu Deutschland aufgenommen und die dort entstandenen Kontakte und Freundschaften auf ihre Art gepflegt. Sie war und ist mit Leib und Seele Germanistin. Diesen Beruf wählt man nicht, wenn man Hass auf Deutschland in sich trägt. Was dich gegen sie aufbringt sind vielleicht eher Eigenschaften, die in ihrer direkten und nicht sehr diplomatisch-verbindlichen Persönlichkeit begründet liegen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie im Umgang nicht immer einfach ist. Sie lässt sich von niemandem den Mund verbieten, hält mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg, ist immer daran interessiert Misstände und Ungerechtigkeiten, gerade gegen Frauen, aufzuzeigen und schreckt auch nicht davor zurück, sich unbeliebt zu machen, wenn es der Sache dient. Dass dabei auch mal gekränkte Eitelkeit im Spiel sein kann, will ich gar nicht in Abrede stellen, aber meistens ging es doch um sehr viel mehr.

Herzliche Grüße
Siebenstein :wink:
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Beitragvon Pippilotta » 12.06.2009, 06:57

Das mit der deutschen Sprache stimmt natürlich, die hat sie weiter gehegt und gepflegt. Man sollte ja auch keine Schicksale vergleichen oder gegeneinander aufrechnene.

Es ist wohl die Art, die mir bei Klüger etwas aufstößt, die fast schon an Verfolgungswahn grenzt!
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