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Kühn, Dieter - Clara Schumann, Klavier




Kühn, Dieter - Clara Schumann, Klavier

Beitragvon Casoubon » 11.07.2012, 14:35

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Wie in meinem Challenge-Thread ersichtlich wurde, hatte ich mit dieser Biographie meine liebe Not und hatte sie auch mehrfach zur Seite gelegt und Wochen verstreichen lassen, bevor ich sie wieder in die Hand genommen habe. Am Ende hat es sich gelohnt, durchgehalten zu haben.

Dieter Kühn hat ein Lebensbuch von Clara Schumann verfasst - er hat nicht nur jede Lebensstation von ihr beschrieben/ erläutert/ interpretiert, sondern auch die Person Clara Schumann lebendig gemacht. Erschwert wurde das Verfassen einer authentischen Biographie über Clara Schumann von ihr selbst - sie hat sich selbst für die Nachwelt inszeniert, hat Tagebuchaufzeichnungen im Hinblick auf ihr Wirken in der Zukunft geschrieben/ verändert. In dieser Tätigkeit war sie sehr gründlich, dazu gehörte es auch, dass sie Briefe zurückforderte, um sie zu vernichten. In dieser Situation war Dieter Kühn gezwungen, selbst zu interpretieren, eigene Schlüsse aus dem vorhandenen Material zu ziehen, sich nicht von dem hinterlassenen Material von Clara Schumann vereinnahmen zu lassen, sondern immer in Frage zu stellen.

Wenn man sich an den saloppen Stil von Dieter Kühn gewöhnt hat (zeitweise kam es mir vor, als würde er mit dem Diktiergerät am Schreibtisch sitzen und Gedankenströme aufnehmen, um sie dann genauso aufzuschreiben), dann kann man eintauschen in die Welt von Clara Schumann - wie sie die Welt am Klavier erobert, ihre Ehe zu Robert Schumann, die vielen Schwangerschaften, Weggefährten, die verschiedenen Wohnorte, ihre Getriebenheit immer Musik machen zu müssen und ihre Rastlosigkeit, die sie immer und immer wieder auf Reisen trieb.

Und ihr scheinbar kaltes Wesen.

Eine Ehefrau, die ihren Mann während seines 2jährigen Aufenthaltes in einer Irrenanstalt am Ende seines Lebens, nur einmal besucht. Als bekannt wird, dass er im Sterben liegt.
Eine Mutter, die ihre Kinder zeitig in fremde Hände gibt. Um selber reisen/ arbeiten zu können. Die nicht an ihren Leben teilnimmt. Nicht an wichtigen Ereignissen in ihrem Leben anwesend ist. Aus der Ferne/ per Brief erzieht.
Eine Frau, die für die damaligen Verhältnisse reich war, für ihre Auftritte hohe Gehälter bezog. Und trotzdem gegenüber Freunden/ Verwandten die arme Frau vorgab, die gerade genug zum Leben hat. Die kein schlechtes Gewissen hatte, "Spenden" von Freunden anzunehmen, die ihm damit (Reise-) Ruhe schaffen wollten. (Den Finanzen räumt Dieter Kühn viel Platz in seinem Buch ein - er schreibt nicht nur, dass sie viel verdient hat, sondern zieht andere Gehälter der damaligen Zeit zu Rate und rechnet in DM um, damit die Zahlen beim Leser zu einer Vorstellung werden können.)

Dieser scheinbar kalte Zug ihres Wesens hat mich am meisten beschäftigt. Vor allem in Hinblick auf die Frage, wieviel Wahrheit in den Interpretationen von Dieter Kühn steckt. Clara Schumann hat es der Nachwelt schwer gemacht, sich selber ein Bild von ihr zu machen - wir können nur auf die Dinge zugreifen, die sie uns hinterlassen wollte.

Dieter Kühn ist sehr genau, mir war er an manchen Stellen zu genau - ist es notwendig zu wissen, wie oft und in welchen Abständen Clara und Robert Schumann miteinander geschlafen haben, um die Pianistin Clara Schumann kennenzulernen?
Im Gegensatz zu den Werken von Robert Schumann, die man sich anhören kann, gibt es kein gespeichertes/ erhaltenes Konzert von Clara Schumann – es sind Beschreibungen, die ihre Person lebendig machen, die ihre Finger zum Spielen bringen. Dieses Kunststück gelingt Dieter Kühn – er hat mit seinem Lebensbuch Clara Schumann lebendig gemacht – als Pianistin, aber auch als Mensch, dessen Handeln für die Nachwelt nicht immer nachvollziehbar ist Dieter Kühn verschweigt diese „Schwachstellen“ nicht, er möchte Clara Schumann (oder „Clara“, wie er sie im ganzen Buch nur nennt, was ich am Anfang als sehr störend empfand) in ihrer Gesamtheit darstellen. Und das ist ihm zweifellos gelungen.

LG,
Bine

OT: Mit ein bißchen Abstand werde ich die Biografie von Eva Weissweiler lesen und bin schon jetzt gespannt, wie sie Clara Schumann darstellt und auf welche Aspekte sie ihr Augenmerk richtet.
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