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Mann, Klaus - Der Wendepunkt




Mann, Klaus - Der Wendepunkt

Beitragvon Krümel » 27.02.2009, 11:45

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Und Klaus Mann kannte sie alle!

„Er war homosexuell. Er war süchtig. Er war der Sohn Thomas Manns. Also war er dreifach geschlagen. Woran hat er am meisten gelitten? … „ (Marcel Reich-Ranicki 1976)

„Der Wendepunkt“ ist eine Autobiographie und darüber hinaus auch ein sehr subjektives Zeitzeugnis des vergangenen Jahrhunderts. Sie umfasst die Zeit von 1906 bis 1945. Klaus Mann wird 1906 als zweitgeborener Mann-Spross geboren. Mit seiner, nur knapp ein Jahr älter, Schwester Erika, die gemeinsam oft als Zwillinge auftreten, wird er sein ganzes Leben lang eng verbunden sein.

„Woran er am meisten gelitten hat?“ wird in den ersten zwei Kapiteln seiner Kindheit, anders als erwartet, nicht beschrieben. Thomas Mann wird als fürsorglicher Vater geschildert, der Gespenster aus dem Kinderzimmer vertreiben kann, der einfühlsam und mit Geschick auf die kindliche Phantasie einwirkt, und deshalb dauerhaft den Namen „Der Zauberer“ trägt.
Sicherlich ist auch eine gewisse Distanz vorhanden. Der „große“ Vater, der ja auch zeitlebens mit sich selber kämpft, und der in seinem Arbeitszimmer isoliert mit seinen Sätzen zaudert, ist nicht immer für die Kinder zu erreichen. Schließt man aber die Zeit mit ein, wo die Väter die Familie nach außen hin vertreten und für den Lebensunterhalt sorgen, so ist der „Zauberer“ keine all zu schlechte Vatergestalt: “Viel Glück mein Sohn. Und komm Heim, wenn du elend bist.”

Klaus Mann pubertiert und reift zum Mann in einem wilden Jahrzehnt, nämlich den 20 er des 20. Jahrhunderts. Seine Neigung ist ihm bekannt, aber sittlich illegal, die heißen Feste der Jugend, das Kokain, die verrufene Stadt Berlin, wo er mit seiner Schwester ein Theaterensemble gründet, und im Hintergrund erscheint der „Der Zauberberg“ sowie darauf folgend der Nobelpreis für die „Buddenbrooks“. Der erste Knacks?

„>Der Wendepunkt<: Das ist die raffiniert und ergriffen zugleich vorgetragene Schilderung einer glücklichen, aber gefährdeten, großbürgerlich-geborgenen, doch durch die Lust der Selbstzerstörung, die mit der allgemeinen Bedrohung des Zeitalters korrespondierende >Tendenz zum Abgrund< im privaten Bereich gefährdeten Jugend.“ (Walter Jens)

Was darauf folgt und meiner Meinung nach Klaus Mann den Rest gegeben hat, ist das Aufkommen des Faschismus, das braune Gespenst und die zahllosen Mitläufer, denen er kopfschüttelnd gegenübersteht. Klaus Mann wendet der Heimat am 13. März 1933 den Rücken zu, also kurz nach der Reichstagswahl und der Ernennung Hitler zum Kanzler. Er wandelt in ganz Europa umher, ist heimatslos, umhergetrieben und einsam. Die „Tendenz zum Abgrund“ ist gegeben, 1949 wählt er den Freitod.

Diese Autobiographie ist eine wunderbare subjektive Schilderung einer bedeutenden Zeit. Der Leser erhält tiefe Eindrücke wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte.
Aber es ist eine Lektüre, die sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, kein Werk zum weg lesen. Im Personenverzeichnis sind ca. 600 Personen aufgelistet, die natürlich alle im Werk erwähnt werden. Davon sind knapp 100 Personen ausführlicher beschrieben: An erster Stelle sicherlich seine Schwester Erika und der „Zauberer“, dann seinen väterlichen Ratgeber Stefan Zweig, seinen lebenslangen Freund André Gide, Ricki der Schulfreund (Richard Hallgarten), sein Onkel Heinrich Mann, und seine Mutter. Aber er kannte sie alle: Sybille Bedford, Eduard Benesch, Gottfried Benn, Björn Björnson, Bertoldt Brecht, Clemens Brentano, Paul Cézanne, Bruno Frank, Stefan George, Oskar Maria Graf, Gerhart Hauptmann, Ödön von Horvath, Ibsen, Kafka, Remarque, Rilke, Anna Seghers, Süskind, Tucholsky, die Wedekinds, Franz Werfel, Oscar Wilde, Zuckmayer und, und, und … um nur einmal ein paar zu erwähnen.

Bewertung: :stern: :stern: :stern: :stern:
Schwierigkeitsgrad: mittel
BildLiebe Grüße,
Krümel



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