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Reich-Ranicki, Marcel "Mein Leben"




Reich-Ranicki, Marcel "Mein Leben"

Beitragvon Krümel » 21.04.2006, 17:38

Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki

Beschreibung von Amazon:
Lange Zeit hatte Marcel Reich-Ranicki die Niederschrift seiner Autobiografie vor sich hergeschoben. Dennoch wurde er von Freunden und Bekannten ermutigt und gedrängt, von Verlegern mit Geld gelockt. Sechs Jahre schrieb er an seinen Erinnerungen. Im Alter von 79 hatte er sie dann vorgelegt. 2003 sind die Erinnerungen des 1920 Geborenen im Taschenbuch erschienen.
Das Buch ist in fünf Teile gegliedert, wobei der Schwerpunkt auf der Zeit vor 1958 liegt. Die ersten beiden Abschnitte zeigen die Entwicklung und die Leidenszeit des Schülers und jungen Mannes, die in höchstem Maße von den Ereignissen der Zeitgeschichte geprägt ist. Es sind dies die Kindheit in Polen, die Jugend im nationalsozialistischen Berlin und schließlich die eindringlich und zugleich in einem ruhigen Tonfall geschilderten Zustände im Warschauer Getto. Nach dem Neuanfang im kommunistischen Polen erfolgt dann die Zäsur: Ende der Fünfziger zieht es Reich-Ranicki in die Bundesrepublik.
Dieses Datum markiert einen Einschnitt im Leben des Kritikers und zugleich in dessen Erzählen. Hat er bis dahin seine Persönlichkeitsbildung als humanistisch geprägter Schüler und junger Mann in der immer barbarischer werdenden äußeren Welt ausführlich dargestellt, so erzählt er die folgenden Jahrzehnte nur noch in Episoden. Zwar kommt manches -- z. B. seine Zeit bei der F.A.Z. -- etwas zu kurz, gleichwohl können andere Abschnitte dafür entschädigen: Die Begegnungen mit Mitgliedern der Familie Mann, sein Porträt Wolfgang Koeppens oder die jahrelange und letztlich doch gebrochene Freundschaft zu Joachim Fest werden unterhaltsam wie sensibel geschildert. Mein Leben ist ein Buch über das Gezeichnetsein durch die Schrecken des Dritten Reiches und über persönliche Enttäuschungen. Es ist aber auch ein Buch über glückliche Augenblicke, sowie über die Liebe, und zwar die zu seiner Frau und -- natürlich -- zur Literatur.
Marcel Reich-Ranicki hat im Grunde alles erreicht, was ein Kritiker erstreben kann: Er wurde zum bedeutendsten und einflussreichsten Kritiker seiner Zeit. Nach wie vor ist er gefürchtet und respektiert -- doch kaum geliebt. Vor allem aber ist er eins geblieben: ein Außenseiter. Und man spürt über die 560 Seiten hinweg, wie sehr ihn das geschmerzt hat. So steht gegen Ende des Buches nicht zufällig ein Zitat des von ihm geschätzten Friedrich Schlegel, das Reich-Ranicki auf sich selbst bezieht: "Man findet mich interessant und geht mir aus dem Wege... Am liebsten besieht man mich aus der Ferne, wie eine gefährliche Rarität." --Alexander Simon

Den Schwerpunkt hat Marcel Reich-Ranicki auf seine Schulzeit und auf das Dritte Reich gelegt. Und ich war sehr überrascht, dass er 1. sich absolut kritisch über das Judentum ausgesprochen hat, und 2. dass dieser tiefe Hass, den man oft in „jüdischen“ Biographien findet, überhaupt nicht vorhanden ist. (Dazu muss ich anmerken, wenn es mein Leben gewesen wäre, ich hätte und ich könnte nicht mit dieser „scheinbaren“ Leichtigkeit darüber schreiben.) Aus diesem Grund muss ich Reich-Ranicki hoch loben: Alle Achtung!
Der zweite Teil handelt dann von der Zeit nach dem II. Weltkrieg, und hier wird eigentlich der ganze Literaturbetrieb beschrieben. Zahlreiche deutsche Schriftsteller werden vorgestellt. Es verwundert mich auch, dass Reich-Ranicki ohne Studium eine solche „Musterkarriere“ erreichen konnte. Aber das liegt wohl an seiner klaren und einfachen Sprache wie er Literatur dem Leser präsentiert; denn das war immer sein Anliegen: Nicht hochtrabende Worte, sondern Literatur verkaufen.
Zur Karriereleiter, schnell und steil sei er aufgestiegen, und war dennoch immer ein Fremder, schreibt er. Der Antisemitismus wäre immer noch in Deutschland verwurzelt, und er hat oft darunter gelitten. (Das ist für mich schwer verständlich. Aber wenn es so ist, finde ich es sehr traurig! Gerade in einem Land der Aufklärung und mit einer Hochkultur.) Aber es stellt sich mir dadurch auch eine andere Frage:
Dieses sich „allein-fühlen“, muss es ausschließlich auf das Judentum bezogen werden? Oder könnte es sein, dass Marcel Reich-Ranicki rein menschlich ein sehr unangenehmer Zeitgenosse ist? Freundschaften halten nie sehr lange … :?:
Mir fehlt in seiner Biographie ein wenig das Private. Über sein Privatleben, Frau und Sohn wird so gut wie gar nichts gesagt. Leider. Aber insgesamt eine sehr interessante Biographie, die ich bestimmt noch einmal lesen werde.


:stern: :stern: :stern: :stern:

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Zuletzt geändert von Krümel am 24.04.2006, 18:54, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Cassa Dar » 21.04.2006, 21:18

Dein Beitrag erinnert mich daran, dass ich seit langem "Mein Leben" als Hörbuch liegen habe.
Ich habe immer "Das Literarische Quartett" gesehen und mag die Stimme von Marcel Reich-Ranicki gerne hören. Deshalb das Hörbuch, das er selbst liest. Aber bis ich dazu komme, wird es noch dauern.
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Beitragvon Karthause » 22.04.2006, 15:53

Ich hatte mir "Mein Leben" auch als Hörbuch aus der Bibliothek ausgeliehen. Der Grund dafür war auch, dass er selbt liest. Aber für meine Ohren war es etwas anstrengend. :wink:
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Beitragvon Cassa Dar » 26.04.2006, 13:55

Na, Karthause, da bin ich direkt neugierig wie es mir dabei ergeht.
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Beitragvon Siebenstein » 12.05.2007, 14:30

Ich habe das Buch gestern abend beendet. Vor allem die erste Hälfte habe ich mit großem Interesse gelesen: Reich-Ranickis Zeit als Schüler zu Beginn des Nationalsozialismus in Berlin, die Jahre im Warschauer Getto und die Umstände seiner Flucht. Es ist schon erstaunlich, wie sich seine große Liebe zur Literatur wie ein roter Faden durch sein gesamtes Leben zieht. In den unmöglichsten Situationen hat er passende Zitate aus gelesenen Büchern parat. Bei jedem anderen hätte das an den Haaren herbeigezogen gewirkt, hier erschien es glaubhaft.

Ich war gespannt, ob sich nach der Lektüre des Buches meine ambivalente Haltung Reich-Ranickis gegenüber ändern würde. Mein Bild von ihm ist runder geworden, und ich habe Dinge über ihn erfahren, die ich so nicht unbedingt vermutet hätte, aber dass er mir nun sympathischer geworden wäre, kann ich nicht behaupten. Trotzdem bin ich froh, das Buch gelesen zu haben; es stellt für mich auf jeden Fall eine Bereicherung dar.

:stern: :stern: :stern: :stern:

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Reich-Ranicki, Marcel - Mein Leben

Beitragvon Karthause » 19.11.2011, 13:16

„Die Literatur ist mein Lebensgefühl. Das lassen, glaube ich, alle meine Ansichten und Urteile über Schriftsteller und Bücher erkennen, vielleicht auch die abwegigen und verfehlten. Letztlich ist es ja die Liebe zur Literatur, die mitunter sogar ungeheuerliche Leidenschaft, die es dem Kritiker ermöglicht, seinen Beruf auszuüben, seines Amtes zu walten. Und bisweilen mag es diese Liebe sein, die anderen die Person des Kritikers erträglich und in Ausnahmefällen sogar sympathisch macht. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Ohne Liebe zur Literatur gibt es keine Kritik.“ (S. 437 Marcel Reich-Ranicki in „Mein Leben“)

Marcel Reich-Ranicki erzählt in seiner Autobiografie gelebte Geschichte. Sie ist spannend wie ein Roman und doch weiß man, das sind die existenten Erlebnisse eines Mannes. Als Jude in Polen geboren, kam er als 9jähriger Junge ins „Land der Kultur“ nach Berlin. Schon in jungen Jahren lernte er die Literatur und das Theater lieben. Aber nur wenige Jahre später erlebte er ein ganz anderes Berlin. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten lebte er nun in einem Land, in dem Juden zunächst schikaniert, dann verfolgt, deportiert und vergast wurden. Auch seine geliebten Bücher sah er brennen. Er selbst wurde nach Warschau ausgewiesen. Dem Warschauer Ghetto, in dem er mit seiner Frau Tosia unter unmenschlichen Bedingungen ums Überleben kämpft, entkamen beide nur mit viel Glück den deutschen Exekutionskommandos und fanden Unterschlupf bei einem polnischen Ehepaar. Nach dem Ende des Krieges blieben die Reichs zunächst in Polen, unter anderem war er für den Geheimdienst tätig, aber nie verlor er die Literatur aus den Augen. Bis er dann die sich ihm bietende Gelegenheit nutzte und mit Frau und Sohn nach Deutschland zurückkehrte. Beeindruckend ist besonders seine Art, sein Leben zu schildern, in einfachen Worten, unmissverständlich, schnörkellos, ohne Bitterkeit, selbstkritisch und – wie ich finde - sehr berührend und trotzdem unterhaltend. Die Jahre, in denen er ständig um sein und das Leben seiner Lieben bangen musste, beschreibt er mit großer Distanz, dafür sehr detailliert. Wie ein roter Faden zieht sich die Literatur durch sein Leben und letztlich gelang es ihm, auch ohne akademische Ausbildung, seinen Kindheitstraum, Literaturkritiker zu werden, verwirklichen. Er machte sich schnell einen Namen, wurde und wird von den Autoren eher gefürchtet als geliebt. Durch seine Literatursendung „Das literarische Quartett“ wurde er auch in der breiten Öffentlichkeit bekannt, seine Verrisse sind teilweise legendär. Neben den historischen Ereignissen, die Reich-Ranicki in seiner Autobiografie so prägnant beschreibt, gibt er gleichzeitig auch einen Abriss über die deutsche Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts, den ich in dieser Form bisher nirgendwo fand. Habe ich MRR als Kritiker schon immer geschätzt, habe ich jetzt auch den Menschen Marcel Reich-Ranicki im Blick und sehe ihn ein wenig mit anderen Augen. Er lebt zurückgezogen, Freundschaften scheinen immer nur Nähe auf Zeit zu sein. Er ein polarisiert, hat eine eigene Meinung und vertritt diese vehement, auch wenn er andere damit gelegentlich brüskiert.
„Mein Leben“ ist wohl eine der bemerkenswertesten Biografien, die ich bisher las. Dieses Buch bekommt meine unbedingte Leseempfehlung. Marcel Reich-Ranicki hat als einer der letzten Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts viel zu berichten. Deshalb bedaure ich die Lücke, die sich seit der Veröffentlichung seiner Autobiografie bildet.

:stern: :stern: :stern: :stern: / :stern:

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Re: Reich-Ranicki, Marcel - Mein Leben

Beitragvon Krümel » 19.11.2011, 14:04

Meinst du das Karthause? War doch alles bestens :grübel2:
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Re: Reich-Ranicki, Marcel - Mein Leben

Beitragvon Karthause » 19.11.2011, 14:11

Wenn du die Formatierung meinst, habe ich das Problem im Thread "Allgemeines" zur Challenge.
Viele Grüße
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Re: Reich-Ranicki, Marcel - Mein Leben

Beitragvon mombour » 20.11.2011, 08:03

Hallo,

die Beschreibungen, Erlebnisse aus dem Warschauer Ghetto sind einzigartig plastisch vor Augen geführt. Habe ich sonst nie so gelesen. Deswegen muss das Buch in jede Lesestube. Nicht als Sub, sondern als gelesenes Buch.

Liebe Grüße
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Re: Reich-Ranicki, Marcel - Mein Leben

Beitragvon Karthause » 20.11.2011, 09:33

Wenn ich ein ähnliches Buch empfehlen sollte, würde mir "Der Pianist. Mein wunderbares Überleben" von Władysław Szpilman sofort einfallen. Das empfand ich ebenso tief und beeindruckend. Ich habe es mir schon aus dem Regal gefischt und möchte es nach dem MRR auch noch einmal lesen. Ob Reich und Szpilman sich wohl gekannt haben. Im Buch fand ich keinen Querverweis.
Viele Grüße
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