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Wallach, Janet - Königin der Wüste




Wallach, Janet - Königin der Wüste

Beitragvon Wirbelwind » 14.02.2009, 16:32

Bild

Org. Titel: Desert Queen
Seitenzahl: 574 inkl. Register, Literaturhinweis, Anmerkungen u. Glossar + zahlreichen Fotos

Autorin:
Janet Wallach ist freie Journalistin und Nahostexpertin, schreibt für verschiedene Zeitungen in den USA und zusammen mit ihrem Mann Bücher über die Konflikte der arabischen Welt.
Sie lebt in New York und Connecticut.

Inhalt und meine Meinung:
Gertrude Lowthian Bell wurde als Tochter des Großindustriellen Thomas Hugh Bell am 14. Juli 1868 in Washington Hall, County Durham geboren. Mit drei Jahren starb ihre Mutter, der Vater war und blieb zeitlebens ihr Vertrauter, Verbündeter, ihre Zuflucht. Er unterstützte ihre Neugier und früh erwachten Wissensdrang. Als er nach Jahren der "Zweisamkeit" die Schriftstellerin Florence Ollife heiratete, der Bell sehr zugetan war, sah jene es als ihre Pflicht dem Mädchen die zukünftige weibliche Rolle anzuerziehen. Bell tat sich schwer damit, versuchte jedoch ihr Bestes um der Stiefmutter zu gefallen. Sie war eine ausgezeichnete Schülerin und dank ihres aufgeschlossenen Vaters, erhielt sie die Erlaubnis zum Studium in Oxford 1886. Sie absolvierte das Studium der Zeitgeschichte allerdings ohne akademischen Grad. Dieser war erst 1920 für Frauen möglich.
Sie arbeitete als Historikerin und Archäologin, beschäftigte sich mit Sprachen und Geschichte sowie Kultur der arabischen Welt. Nach der vom Vater nicht genehmigten Heirat mit Henry Cadogan und dessen Tod, reiste sie viel . Was über die Verwandtschaft über Prag, Italien begann dehnte sich aus. So wurde sie zur begeisterten Alpinistin, immer nach dem höchst machbaren bestrebt. Im Berner Oberland hinterließ sie "Gertrudes Gipfel" als Zeichen der erfolgreichen Besteigung.
Sie reiste in die Wüste, deren Stille sie ewig beeindruckte, lernte auf oft abenteuerlichen Wegen die Wüstenstämme kennen, saß mit den Männern als einzigste Frau in der Runde im Zelt. Erstaunlicherweise wurde sie dort akzeptiert. Man nannte sie "Mann ehrenhalber" und schon bald galt sie als der Insider der arabischen Wüstenbewohner. Sie veröffenlichte ihre Erlebnisse und Begegnungen in Zeitschriftenartikeln und Büchern. Bald waren ihre Kenntnisse im Nahen Osten auch in Militärkreisen gefragt. Sie fertigte Karten von Gebieten an, die vorher noch unbekannt waren. Sie wurde inoffizielle Mitarbeiterin des britischen Geheimdienstes, politischer Verbindungsoffizier und Orientsektretärin, hielt Kontakt, Gespräche, Beratungen nach allen Seiten, musste viele Hürden männlicher Ingnoranz überwinden, gewann das Vertrauen vieler hochgestellter Persönlichkeiten, traf sich mit den Wüstenfürsten, vermittelte und spielte schließlich eine große Rolle in der politischen Neuordnung dieser Region, was zur Gründung des heutigen Iraks führte. Sie war die Vertraute des irakischen Königs Faisal I. Nachdem nach Jahren voll intensiver Arbeit, oft unter schwersten körperlichen Bedingungen, es ruhiger um sie wurde, widmete sie sich erneut den achäologischen Ausgrabungen und schuf den Grundstein für das archäologische Museum in Bagdad.
Das Leben der exzentrischen Gertrude Bell ist faszinierend. Noch heute ist es anhand von Tagebüchern, Briefen, Zeitungsberichten, Fotos, Aktennotizen ausreichend dokumentiert, wobei es auch sehr viel Widersprüchliches und Erstaunliches zu ihrer Person zu entdecken gibt. So zum Beispiel ihr Verhältnis zu Frauen, in England, in der Wüste, im Harem und ihre Reaktion auf Sufragetten, ihre Suche nach Glück, Ehe und Liebe.
Ich ziehe vor der Autorin Janet Wallach meinen Hut (falls ich über so etwas Alltertümliches verfügen würde ), der es genial gelang so viele Fakten und Daten zu einer gelungenen Biografie zusammenzufügen, heutige Erkenntnisse der Nahostexpertin, unaufdringlich miteinfließen zu lassen, und trotz dem WirrWarr der Personen von T.E. Lawrence bis Winston Churchill nie die Übersicht zu verlieren und was noch viel wichtiger ist, alles auch noch dem (unerfahrenen) Leser zu erklären und zu vermitteln. Das Buch ist nicht immer leicht zu lesen, zu verschieden sind die Blickwinkel von West und Ost aus Sicht der damaligen Zeit, wenn auch manches wie die Gier um Besitz nach Öl doch sehr zeitnah erscheint, doch interessant, mitreißend, packend bleibt es stets.
Ich vergebe der Biografie von Janet Wallach über Gertrude Bell, einer vielseitigen, beeindruckenden, kämpferischen und doch von der englischen Erziehung nie ganz befreiten Lady meine völlig überzeugten :stern: :stern: :stern: :stern: :stern:

Liebe Grüsse
Wirbelwind

:lesen5: T.E. Lawrence, Die sieben Säulen der Weisheit

Ich danke nochmals ganz herzlich Siebenstein für dieses wunderbare Wichtelgeschenk aus meiner Wunschliste. :D
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Beitragvon marilu » 19.02.2009, 14:45

Hallo Wirbelwind, danke für die umfangreiche Rezension! Gertrude Bell begegnet mir alle paar Jahre wieder und immer wieder vergesse ich es dann doch, mehr über sie zu recherchieren. Das muss sich ändern!

Das erste Mal wurde ich übrigens über dieses Buch ("Mehr Mut als Kleider im Gepäck") auf sie aufmerksam:
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- Henry Slesar: Die siebte Maske -
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Beitragvon Wirbelwind » 24.02.2009, 19:30

Richtig, marilu, das Buch habe ich auch. Sieben reisende Frauen ganz unterschiedlicher Natur. Im BT habe ich eine Rezi geschrieben. Im Gegensatz zu den meisten hatte Bell aber politische Ambitionen.
Gleich danach habe ich eine Biografie von Ida Pfeiffer gelesen. Auch empfehlenswert.

Liebe Grüsse
Wirbelwind

:lesen5: James McBride, Die Farbe von Wasser
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