Krümels-Bücherwelt ...

... ein Literaturforum der anderen Art

Zorn, Fritz - Mars




Zorn, Fritz - Mars

Beitragvon mombour » 25.02.2011, 09:08

Hallo,

Fritz Zorn: Mars


Bild

Fritz Zorn ist das Pseudonym eines Züricher Millionärssohnes und Gymnasiallehrers, der in einer konservativ geprägten bürgerlichen Familie aufwächst, an Depressionen erkrankt und mit 32 Jahren an Krebs stirbt. Aus verschiedenen Perspektiven erzählt Zorn von der gekünstelten Harmonie in seiner Kindheit. Vermeidung von Streitgeprächen, die Familie ist immer einer Meinung, d.h. es wird ausnahmslos der Meinung des Vaters gefolgt. Von einem Schulkamerad wird Zorn gefragt, ob er Autos mag. Zorn denkt, er mag Autos und sagt "Ja". Es stellt sich aber heraus, der Kamerad mag keine Autos. Zorn auch nicht, aber er hatte gelogen. Auf diese Weise die gekünstelte Harmonie der Einigkeit in praktischer Weise ins Absurdum geführt wird, aber Fritz Zorn aus dem Korsett der großbürgerlichen Starrheit nicht mehr herauskommt. Die Themen Religion und Sexualität waren tabu. Die Mentalität von Zorns Eltern kann man nur verlogen und unehrlich bezeichnen, belügen sie Sie sich doch selbst, wenn sie die Kirche für respektabel halten, von Gott aber nichts wissen wollen. Wahrscheinlich liegt dem ein Gesellschaftszwang zugrunde. Andere gehen in die Kirche, also wir dann auch.

„Mein Unglück besteht daraus, daß ich nicht das sein kann, was ich will“
, sagt Zorn.

Zorn weiß wie wichtig Liebe und Sexualität ist und erkennt, dass dies sein größtes Defizit ist. Seine Neurose, die als Depression, und wie er sagt, als „emotionaler Idiotie“ ausbricht, manifestiert sich später in den Krebs. Mich nervt aber dieser pseudomedizinische Esoterikkram Zorns über den seelischen körperlichen Krebs, demnach man Krebs bekomme, wenn man sein Leid in sich hineinfrisst und, weil die Seele schon so sehr Krank ist, könne sie nicht mehr zum Widerstand gegen den Krebs behilflich sein. Diese Wüsteneien spitzen sich dahin zu, dass seine Eltern am Dilemma seines Lebens schuld sind. Seine Jugend im Eimer, weil er nie eine Freundin hatte, sein Erwachsenenalter ebenso geschlechtstrocken. Unfähig für zwischenmenschliche Beziehungen, Depression und Krebs. Die Schuldigen sind die Eltern:

Zorn hat geschrieben:Jeder neue Tumor, der sich als geballte Ausbuchtung aus meinem glatten Körper hervordrängt, scheint mir aus der Tiefe seines psychosomatischen Ursprungs heraus die ins Teuflische verzerrte Fratze meiner dämonischen „Eltern“ darzustellen,...


Natürlich weiß ich, er sucht Orientierung und Sinn in seinem ganzen Leid, trotzdem, diese Abstrusitäten immer wieder vorgekaut zu bekommen, ist anstrengend. Fantastereien eines Todkranken, verzweifelt einen Halt suchend.

Vermurkst ist sein Exkurs über Liebe, Sex und Freud als Einheitsmixtur und findet auch noch eine Verbindung zum Christentum, dort aber nicht Sex sondern Agapé gemeint ist, außerdem Freud in späteren Schriften eine viel erweiterte Auffassung vom Eros vertrat als Sex, Zorn dies aber nicht wusste, stattdessen er aber weiterhin dauernd sein Minderwertigkeitsgefühl beklagt, welches sich aus seiner Sexlosigkeit ergibt.

Das Buch ist keineswegs aufbauend. Diese scharfe Kritik an seine Eltern, einerseits verständlich, dass seine in gedämpften Niederungen schwelende Emotionen jetzt endlich mal aufbrechen, allerdings letzten Endes doch eine unreife Verarbeitung seines Hasses ist, alles auf seine krebsüblen Eltern zu beziehen. Allerdings ist Zorn durch seinen frühen Tod die Chance verwehrt worden, sein Schicksal sinnvoll verarbeiten zu können. Da er mit seinem Hass natürlich nicht weiterkommt, dreht er sich im Kreise herum, wurstelt in seinen Problemen herum, findet in dem gewurstele keinen Ausgang mehr. Auch wenn ich noch zwanzig Seiten zu lesen habe, kann ich schon jetzt dieses Buch niemanden weiterempfehlen, weil zumindest ich keinen Sinn daraus ziehen kann, einen Menschen zu belesen, der ständig nur im Irrgang seines Hasses verweilt. Natürlich blinkt Mitgefühl, schließlich möchte man so einem Menschen helfen, aber durch seine Imkreisedreherei treibt er mich als Leser nur in Abgründe der Hilfslosigkeit mit dem Wissen, das Leid war irgendwann doch mal vorbei. Am 2. November 1976. †

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe
mombour
Der Poet
Der Poet
 
Beiträge: 762
Registriert: 30.11.2009, 10:06
Wohnort: Regensburg

von Anzeige » 25.02.2011, 09:08

Anzeige
 


Ähnliche Beiträge


TAGS

Zurück zu Biographien/Tagebuch/Briefe

Wer ist online?

0 Mitglieder

cron