Die Ausgangssituation dieses Romans hat mich gleich angesprochen und finde ich die Charakterisierung der rastlosen, überlasteten Ärztin Anna, ihren inneren Beweggründen und äußeren Umständen in den ersten Kapiteln sehr gelungen. Die Entscheidung, alles hinter sich zu lassen, hat sie sich nicht leicht gemacht und findet sie offenbar in ihrem Domizil in Norwegen die innere Ruhe und Ausgewogenheit, die sie sucht. Die Stimmung des „Nordlichts“ wird wunderbar eingefangen und auf Annas Gemüt projiziert, anhand von Rückblenden wird aus ihrer Kindheit erzählt, dem schweigenden Vater, den unausgesprochenen Kriegsgräueln und die dadurch sehr belastete familiäre Situation.
Doch mit dem Auftreten von Giske verliert der Roman an Stimmung und an Atmosphäre. Zu oft wird in der Vergangenheit gestöbert, zu oft wird die Vergangenheit verantwortlich für die Gegenwart gemacht, und ein sehr melancholischer Grundton nimmt überhand. Anna selber tritt im zweiten Teil des Buches in den Hintergrund, was ich sehr schade fand. Die Verknüpfung der beiden Frauenschicksale gelang meiner Meinung nach nicht, alles wirkt konstruiert und bemüht und das (sehr triviale) Ende setzt dieser Entwicklung leider noch das i-Tüpfelchen auf.
Der Name Melitta Breznik war neu für mich, es war das Cover, das mich in der Bücherei sozusagen ansprang. Die Österreicherin Melitta Breznik ist 1961 geboren, studierte Medizin und hat seit dem Jahr Jahr 2004 eine Praxis als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in der Schweizer Stadt Chur.



