(der Autor/in lebt noch, und spiegelt die heutige Zeit)
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Gaines, Ernest J – Jeffersons Würde

03.06.2008, 17:03

Original: A lesson before dying (1993)

Louisiana in den 40iger Jahren: Jefferson, ein junger mittelloser Schwarzer ohne große Schulbildung wird eines Verbrechens angeklagt, das er nicht begangen hat: des Mordes an einem Weißen. Während des Prozesses wird er gedemütigt und gar vom eigenen Anwalt als Tier, Ferkel dahingestellt, um eventuell so ein mildes Urteil zu erheischen. Das „weiße“ Gericht verurteilt ihn zum Tode. Seine Patentante beschließt, dass ihr Jefferson durch einen „würdigen“ Tod diese Demütigungen abschütteln soll und bittet den Lehrer, Grant Wiggins, sich um die Erziehung ihres Patensohnes zu kümmern.

Was Gaines im ersten Kapitel erzählt, würde bei anderen Autoren die „Story“ bilden: Verbrechen, Prozess eines Unschuldigen, Verurteilung! Da fragt man sich was denn nun schon die kommenden fast zweihundertachtzig Seiten füllen wird! Doch dies ist nur der Ausgangspunkt. Die erfahrene Demütigung in diesem Schauspiel von Gerichtsverhandlung ist nur die Spitze einer Geschichte von Demütigungen eines Volkes seit drei Jahrhunderten. Und das Opfer ist in Jefferson ein jeder (zunächst seiner Rasse): er ist wie ein Sündenbock, ein Stellvertreter. Wie aber wird sich dieser Opfermechanismus verwandeln? Wie mag der Wunsch der Patentante erfüllt werden, dass ihr Jefferson in Würde stirbt, auf zwei Beinen, und nicht auf vieren? Gaines beschreibt den Lernprozess Jefferson, ja, aber auch den Weg, den hier z.B. der Ich-Erzähler, nämlich der junge, widerwillige Erzieher Grant, zu durchgehen hat.
Ein phantastischer Roman aus dem tiefen Süden der USA, der zwar in den 40igern spielt, also einer Epoche, in der die Gesellschaft durch und durch von sozialer Ungerechtigkeit und Rassismus geprägt war, aber – Anfang der 90iger geschrieben – auch heute eine direkte „message“ für das Zusammenleben von Schwarz und Weiß hat und vor allem einlädt, mit hocherhobenem Haupt durchs Leben zu gehen und die innere Versklavung hinter sich zu lassen!

Eine echte Entdeckung für mich!!!
:stern: :stern: :stern: :stern: / :stern:

Ernest J. Gaines wurde 1933 auf einer Plantage in Louisiana geboren und arbeitete auf dieser schon als Neunjähriger. Mit 15 zieht er mit seiner Familie nach Kalifornien und kann intensiver sich Studien und der Lektüre widmen. Er bedauert, dass „seine“ Welt noch so gar keinen Zugang zu dieser Welt hat und beginnt selber, erste Kurzgeschichten und Romane zu schreiben. Mit oben vorgestelltem Roman gewann er 1994 den Book Critics Circle Award.

Broschiert: 288 Seiten
Verlag: Scherz (Februar 2001)
ISBN-10: 3502517851
ISBN-13: 978-3502517856

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Zu einer englischen Ausgabe:

Paperback: 272 pages
Publisher: Vintage Books; 1st Vintage Contemporaries Ed edition (31 Dec 1994)
Language English
ISBN-10: 0375702709
ISBN-13: 978-0375702709

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03.06.2008, 17:03

03.06.2008, 17:26

Ui, das klingt aber sehr interessant. Danke für den Tipp! Ich habe es mir grad bestellt, es scheint eines der Bücher zu sein, die man leider nicht mehr im normalen Handel erhält.
Wie viele Perlen da wohl verloren gehen?

03.06.2008, 17:35

Stelle Dir vor, wolves, dass ich dieses Buch von jemandem empfohlen bekommen habe, der jahrelang selber zum Tode Verurteilte begleitet hat und weiß, wovon er spricht. Er sprach von einem der ihm wichtigsten Autoren, von dem er quasi alles gelesen hätte!

03.06.2008, 18:39

Das Buch habe ich eben auch bestellt.
Eine Thematik die mich neugierig macht und Deine Rezension klingt gut!

Danke!

03.06.2008, 18:55

Aber Tom behauptet immer, man würde seine Bücher nicht beachten. Auf meinem SuB befinden sich auch ein paar Tombücher :wink:

03.06.2008, 19:00

Auch für mich ist Tom ein "Buchlieferant"!

Die Thematik erinnert mich irgendwie an den Film "Dead man walking"? Tom, als Filmfreak - solltest du den Film kennen, gibt es irgendeinen Vergleich? Berührungspunkte?

Übrigens hab ich mir Jeffersons Würde gerade bei booklooker bestellt, um € 0,25! :wink:

03.06.2008, 21:40

Danke für das Interesse, das Buch verdient es wohl!

Pippilotta hat geschrieben:Die Thematik erinnert mich irgendwie an den Film "Dead man walking"? Tom, als Filmfreak - solltest du den Film kennen, gibt es irgendeinen Vergleich? Berührungspunkte?


Ja, natürlich kenne ich den Film, habe aber eben selber gar nicht an ihn gedacht...

Berührungspunkte...hm: geht es im Film auch darum, dass der (hier aber total schuldige!!!) Täter zumindest einen Hauch an Menschlichkeit ausstrahlt???

Aber hier geht es schon andersherum: Jefferson IST unschuldig, aber ein gedemütigter Mensch. Er soll aber als Mensch sterben.

Im Film begleitet eine Ordensschwester den Verurteilten (diese Frau lebt ja tatsächlich!), hier im Buch ein nicht glaubender, ja sehr kritischer Lehrer.

04.06.2008, 04:55

danke, für Deine Auskunft! Es war nur so eine erst Intuition von mir (schwarz/weiß-Thematik, Begleitung eines zum Tode Verurteilten).

04.06.2008, 08:53

An den Film habe ich gestern auch gedacht. Fällt mir gerade ein, ich glaube ich habe sogar das Buch hier. Nur wo?

04.06.2008, 11:41

Ich habe bereits drüben, ohne zu wissen wie ihr reagiert, das Buch auf meine Wunschliste gesetzt.
Als ich mich hier eingeloggt habe, war es schon kurz vor elf und ich dachte ich bekäme jeden Moment den Saft abgestellt.
Tom, nach dieser Rezi muß man sich nicht wundern, warum doch recht viele spontan den Geldbeutel zücken. :lol: Danke.

Liebe Grüsse
Wirbelwind

:lesen5: Mayra Montero, Wo Aida Caruso fand
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