(der Autor/in lebt noch, und spiegelt die heutige Zeit)
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Liehr, Tom - Idiotentest

20.01.2007, 08:32

Eigentlich war das Buch nur als Zweitlektüre für die Bahn gedacht, weil mir "alias Grace" zu schwer zum Herumtragen war. Nach anfänglicher Skepsis, ob ich mir da nicht einen zweiten "Herrn Lehmann" :roll: ausgesucht hatte, konnte ich allerdings nicht mehr aufhören zu lesen und habe ihn heute nacht noch beendet.

Handlung:

Der Roman beginnt mit einem Kapitel über Kinderschokolade. Mmmhhh, lecker. Und dann der Schock: wir lernen Henry Hinze als 6-jährigen kennen, der mit einem 50,-Mark-Schein Brot, Zucker und Maggi kaufen gehen soll. Eine Menge Verantwortung, die er zu tragen hat. Leider trägt er sie nur kurz. Als er im Laden bezahlen will, merkt er, dass er das Geld verloren hat. Jetzt ist "Polen offen", panisch läuft er vor und zurück, um seinen Weg erneut abzulaufen und darauf zu hoffen, den Fuffziger wiederzufinden.

Letzendlich muss er beichten und wird von Mutter und Vater ordentlich bestraft. Die Schläge, die er bekommt, stehen in keinem Verhältnis zum Vergehen. :shock:
Aber Henry zieht doch noch einen Profit aus der Episode :D

Jahre später lebt er in Neukölln in einer Männer-WG mit Walter und Gonzo (der eigentlich Martin heißt). Er schlägt sich als Taxifahrer durchs Leben, steht immer mit einem Bein vor dem Bankrott. Die Abende durchzecht er im "Wohnzimmer", der Kneipe seines besten Freundes Harry und ist keiner Bettgeschichte verschlossen. Nur Nähe, Verantwortung und tiefe Gefühle meidet er so gut er kann.

Und dann passiert das mit Andrea, der süßen Kellnerin, die eigentlich für alle WG-Mitglieder tabu ist. Und hiermit beginnt die eigentliche Handlung...

Meine Meinung:

Lasst euch überraschen, habe ich auch getan und wurde nicht enttäuscht. Ich hatte recht wenig Erwartungen, wollte nur mal wieder einen deutschen Autoren lesen.

Henry ist nicht wirklich sympatisch, wirkt auf sein Umfeld aber sehr charismatisch. Er ist Trinker und ehrlich gesagt, würde er mich wahnsinnig machen. Aber immer wieder scheint durch, was und wer er sein könnte! Genau das macht den Menschen auch aus. Das Buch bringt seinen Weg in die Sackgasse sehr gut zum Ausdruck.

Über das Ende kann man streiten, aber mir hat es gut gefallen
Spoiler hat geschrieben:(auch wenn es sicher mehr Menschen in seiner Lage gibt, die nicht "aufwachen").


Vor allem Andrea und Harry haben mir als Charaktere gefallen. Und Henry ist halt zumindest interessant, Gonzo der geniale Spinner und das andere Personal des Romans echt aus dem Leben gegriffen. Die Kneipenbesucher "kannte" ich förmlich (habe selbst in so einer Kneipe gejobbt).

Notiz am Rande: das Buch lebt von Zeitsprüngen. Wer das nicht mag, wird Probleme mit dem Verständnis haben.

"Radio Nights", der erste Roman des Autors, steht mittlerweile auf meiner Wunschliste.

:stern: :stern: :stern: :stern:


Bild
Zuletzt geändert von marilu am 14.04.2007, 18:06, insgesamt 1-mal geändert.

20.01.2007, 08:32

Re: Liehr, Tom - "Idiotentest"

20.01.2007, 12:34

marilu hat geschrieben:"Radio Nights", der erste Roman des Autors, steht mittlerweile auf meiner Wunschliste.

:stern: :stern: :stern: :stern:




"Radio Nights" ist ein sehr lesenswertes Buch, ich kann es wirklich nur empfehlen.

25.01.2007, 08:15

„Idiotentest“ ist eines der wenigen Bücher die ich ein zweites Mal gelesen habe. Ich hatte es an einen Freund verliehen der es mir dann nach einiger Zeit zurückgab mit der Bemerkung „Sag mal, hat der Vogel noch andere Bücher geschrieben? Von dem würde ich gern alles lesen.“ Ich habe ihn dann auf „Radio Nights“ hingewiesen. So weit so gut. Ich packte den „Idiotentest“ also in meinen Rucksack und begab mich zur S-Bahn. Autofahren kam nicht infrage, da diese Abende in der Regel so einigen Flaschen Rotwein das Leben kosteten.
In der Bahn lese ich immer. Nur diesmal hatte ich mein Buch vergessen, alles Durchwühlen des Rucksacks half nicht. Was also tun? Na klar, noch einmal ran an den „Idiotentest“. Und sofort war ich wieder gefangen von diesem Buch.
Die Erzählweise von Tom Liehr ist so, dass man ihm einfach gern zuhört. Denn ist es ja leider nicht selbstverständlich, dass ein Erzähler auch erzählen kann – Tom Liehr kann das und wenn man seine Texte liest, die er hier und da mal loslässt, dann mögen sie vielleicht provozierend sein, sie mögen einen aufregen – aber eines sind sie nicht, sie sind niemals langweilig. Sie polarisieren, sie wühlen auf und sie regen die Diskussion an. Er schwafelt nicht, er sagt etwas – mit Nachdruck – so dass man auch hinhört.
Auch der „Idiotentest“ ist ein Buch, das vielleicht nicht jedem gefällt, ich wette aber, dass dieses Buch kaum einen Leser kalt lassen wird. Auf 243 Seiten wird eine kompakte Geschichte erzählt, nie rutscht sie ins Triviale ab, nie schafft es die Primitivität, in dieses Buch reinzukommen. So schreibt wirklich nur ein Vollbluterzähler.
„Idiotentest“ ist ein Buch, dass man bedenkenlos verschenken kann, als Mitbringsel viel besser geeignet als irgendein Blumenstrauß, der eh nach drei Tagen zur Zierde des Komposthaufens wird, die Blumen vergisst man, der „Idiotentest“ verschwindet unter Garantie nicht so schnell aus dem Gedächtnis.
Ein sehr empfehlenswertes Buch.

Titel: Idiotentest
Autor: Tom Liehr
Verlag: Aufbau TB
Erschienen: Oktober 2005
Seitenzahl: 243
ISBN: 3746621836
Preis: 7.95 EUR



Meine Bewertung:
:stern: :stern: :stern: :stern: :stern:

30.03.2007, 14:52

Idiotentest war das erste und einzige Buch, welches ich bei den Eulen im Rahmen einer Leserunde gelesen habe, und beides hat mich nicht überzeugt: das Buch und das gemeinsame Lesen, vielleicht in gegenseitiger Abhängigkeit.

Für mich war es fast in Serie der 3. oder 4. "dumme deutsche Buben" Roman, und somit vom Thema her nicht so neu, und an einen Herrn Lehmann kommt es schon gar nicht heran.

Ich gebe zu, dass die aktuelle Zeitqualität beim Lesen eine große Rolle spielt, aber darüberhinaus waren es doch zu viele berliner(?) Ausdrücke und eine zu sehr vorhersehbare Handlung, die meine Freude etwas gebremst haben.

Als dann ein einziges Lobgehudel losging ("ach Tom, deine Schreibe, so herrlich..."), traute ich mich nicht, meine Bedenken in Worte zu fassen, aber gute Erfahrung war es auch keine.

Irgendwie schade, ich hätte das wahrscheinlich zu einem anderen Zeitpunkt und ohne Zwangsbegeisterung lesen sollen.

(ich hoffe, ich habe jetzt niemanden beleidigt)

30.03.2007, 16:50

schnecke hat geschrieben:
Für mich war es fast in Serie der 3. oder 4. "dumme deutsche Buben" Roman, und somit vom Thema her nicht so neu, und an einen Herrn Lehmann kommt es schon gar nicht heran.



Ehrlich gesagt, hat mir an dem Roman gefallen, dass Henry eben kein Herr Lehmann ist. Muah, ging mir der gute Herr L. auf den Senkel... :lol:

Ist doch gut, dass Geschmäcker verschieden sind!
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