Krümels-Bücherwelt ...

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Saramago, José - Die Stadt der Blinden




(der Autor/in lebt noch, und spiegelt die heutige Zeit)

Saramago, José - Die Stadt der Blinden

Beitragvon Pippilotta » 20.07.2006, 19:37

Inhalt

Die Ampel schaltet auf Grün, ein Auto bleibt trotzdem im Stillstand. Der Lenker ist von einer Sekunde auf die nächste erblindet. Er wird von einem Passanten nach Hause begleitet (der dann gleich darauf sein Auto stiehlt), doch auch dieser erblindet kurz darauf. Gefolgt von einem Augenarzt und dessen Patienten greift das „weiße Übel“ (die Blinden sehen nämlich nicht schwarz, sondern ein grelles Weiß) um sich, die Ansteckung scheint nicht zu stoppen zu sein.

Die Regierung handelt rasch und unbarmherzig. Alle Blinden werden in einer ehemaligen Irrenanstalt interniert, so will man der Epidemie entgegentreten. Mehrere hundert Leute werden eingeliefert, die Situation in der nur notdürftigen Unterkunft entwickelt sich zur Hölle. Chaotische Zustände, unvorstellbare hygienische Verhältnisse, fehlende Grundversorgung an alltäglichen Dingen, keinerlei Informationen von außen, rationiertes Essen bestimmen den Tagesablauf. Nicht einmal die Leichen werden abtransportiert. Unter den Internierten bilden sich Gruppen, es herrscht Aggressivität, Gewalttätigkeit, sämtliche soziale Strukturen zerbrechen, es herrscht Anarchie und die tiefsten Abgründe er menschlichen Seele tun sich auf.

Eine einzige – die Frau des Augenarztes – wurde von der Blindheit verschont.. Aus Solidarität zu ihrem Mann täuschte sie Blindheit vor und versucht nun, zumindest so weit es in ihren Kräften liegt, das Schlimmste zu verhindern. Doch sie muss alles mitansehen und ist eigentlich dadurch vom ganzen Elend noch mehr betroffen.

Was für ein Buch!
Gebannt von der ersten bis zur letzten Seite harrt man dem Geschehen. Die Beschreibung der Zustände in der Anstalt sind derart heftig, dass auch der Leser mit dem Würgereiz zu kämpfen hat.

Anstatt sich zu solidarisieren, beginnen sich einzelne Gruppen der Inhaftierten gegenseitig zu bekämpfen, es herrscht Gewalt, Angst, Hoffnungslosigkeit. Der totale Zusammenbruch der Gesellschaft beginnt, die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele tun sich auf. "Wenn wir nicht ganz wie Menschen leben können, sollten wir zumindest versuchen, nicht ganz wie Tiere zu leben“, das ist die Aussage der Frau des Augenarztes, die mit allen Mitteln versucht, ordnend einzugreifen, aber auch kurz davor ist, den Verstand zu verlieren.

Anzumerken sei auch noch der typische Saramago-Stil. Keine Satzzeichen bei der direkten Rede, die Personen haben keine Namen, sie werden auf ein Merkmal reduziert („der erste Blinde“, „der Augenarzt“, „die Frau mit der schwarzen Brille“, „der schielende Junge“). Dennoch gewöhnte ich mich an den Stil in kürzester Zeit, ich hatte kein Problem damit.


:stern: :stern: :stern: :stern: :stern: :!:

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Zuletzt geändert von Pippilotta am 22.07.2006, 20:53, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon marilu » 20.07.2006, 19:48

Das Buch ist somit gerade auf meine Wunschliste gewandert. Danke für die schöne Rezension!
Scharfsinnig bin ich von Montag bis Freitag. Übers Wochenende leiste ich mir den Luxus der Dummheit.
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Beitragvon Katia » 21.07.2006, 08:27

"Die Stadt der Blinden" fand ich auch ganz hervorragend, vielleicht sogar der beste Saramago, den ich gelesen habe. Ist schon ein paar Jahre her, ich hatte es eigentlich meinem damaligen Freund geschenkt, dann natürlich auch selbst gelesen und mit ihm lange Diskussion geführt, insbesondere es mit "Der Pest" verglichen, wo der Arzt eine ähnliche Rolle hat wie die Frau des Augenarztes, sie scheint immun gegen die Krankheit zu sein.
Die mangelnden Satzzeichen habe mich auch nicht gestört, man gewöhnt sich schnell daran, ich mag das eigentlich lieber als ellenlange Dialoge, wo ich dann immer mal wieder nachzählen muß, wer denn nun eigentlich gerade spricht...

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Beitragvon Pippilotta » 21.07.2006, 08:32

@ Katia: bei Recherchen im INternet zum Buch bin ich auch immer wieder auf den Vergleich mit "Die Pest" von Albert Camus gestoßen. Ein Grund mehr, "Die Pest" endlich zu lesen!
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Beitragvon Katia » 21.07.2006, 08:46

Ich habe es damals fast direkt anschließend gelesen, und der Vergleich war sehr interessant, auch wenn ich der Meinung bin, dass die beiden Bücher doch sehr unterschiedlich sind. An Details kann ich mich (mal wieder) nicht mehr erinnern, aber dem Vorwurf Saramago habe "Die Pest" nur neu geschrieben, kann ich mich nicht anschließen...

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Beitragvon Krümel » 06.06.2008, 18:07

Was bedeutet eigentlich diese Weiße Blindheit? Dieses weiße Licht?
Ich assoziierte es direkt mit Gott :shock: Weil das in meinen Gedichten ein paar Verwendung fand, wenn mir Gott als unpassend erschien.

Na, ich werde sehen :D
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Beitragvon Pippilotta » 06.06.2008, 22:16

Krümel hat geschrieben:Na, ich werde sehen :D


Ich denke auch, du wirst sehen .... (irgendwie witzig jetzt im Kontext :lol: ).

Mit Gott habe ich es - und ist es, denke ich - nicht in Zusammenhang zu bringen. Vielmehr geht es weniger um die Blindheit der Augen (also: organische Ursachen) als um die Blindheit des Verstandes.
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Beitragvon Krümel » 07.06.2008, 12:40

Pippilotta hat geschrieben:Mit Gott habe ich es - und ist es, denke ich - nicht in Zusammenhang zu bringen. Vielmehr geht es weniger um die Blindheit der Augen (also: organische Ursachen) als um die Blindheit des Verstandes.


Das ist mir klar, deshalb konnte ich bis jetzt ja auch das weiße Licht nicht zuordnen :wink:
Aber wenn ich chips Rezi lese, glaube ich nicht, dass ich meine Antwort bis in die Tiefe beantwortet bekomme :-(
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Beitragvon Pippilotta » 07.06.2008, 14:04

Krümel hat geschrieben:Aber wenn ich chips Rezi lese, glaube ich nicht, dass ich meine Antwort bis in die Tiefe beantwortet bekomme :-(


WO gibts die zu lesen? (oder würde er so lieb sein, und sie auch hier hereinstellen?)
Zuletzt geändert von Pippilotta am 07.06.2008, 16:08, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Krümel » 07.06.2008, 15:02

Pippilotta hat geschrieben:WO gibts die zu lesen? (oder würde er so lieb sein, und sie auch hier hereinstellen?)


Ich hoffe es, wenn er dies sieht, das er sie uns nicht vorenthält :wink:
In dem Forum findest du seine Rezi.
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Beitragvon Pippilotta » 07.06.2008, 16:10

ah, danke!
Dass die zweite Hälfte "schwächer" ist, habe ich persönlich nicht so empfunden, es war die konsequente Fortführung des ersten Teiles. Kann es daran liegen, dass der Leser von den Vorgängen im ersten Teil schon so "abgebrüht" war, dass ihn die weiteren Vorgänge nicht mehr so schockierten?
Herzliche Grüße
Pippilotta


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Beitragvon chip » 07.06.2008, 17:07

Krümel hat geschrieben:
Pippilotta hat geschrieben:WO gibts die zu lesen? (oder würde er so lieb sein, und sie auch hier hereinstellen?)


Ich hoffe es, wenn er dies sieht, das er sie uns nicht vorenthält :wink:
In dem Forum findest du seine Rezi.


Natürlich lese ich mit :D Hier die Rezi:

An einer Kreuzung erblindet ein Mann von einem Moment auf den anderen und alle, die mit ihm in Berührung kommen. Die Regierung geht von einer Epidemie aus, die in höchstem Grade ansteckend ist und beschließt, alle Betroffenen unter Quarantäne zu setzen. Dazu eignet sich ein leer stehendes Irrenhaus besonders gut. Wachen werden aufgestellt, um diese rasant anwachsende Schar vor einem Ausbruch zu hindern. Eine sehende Frau kann sich unter den Insassen mischen, die um ein wenig Ordnung bemüht ist.
Und nun haben wir die typische Menschenansammlung ohne Gesetze und Regeln, die moralischen Bedenken werden schon nach kurzer Zeit über Bord geworfen, dadurch noch begünstigt, dass man seine Schandtaten nicht sehen kann. Chaos und Anarchie brechen aus. Gruppen bilden sich, ein kleiner Krieg bricht aus.

Das Thema ist nicht neu, schon im „Robinson Crusoe“ , „Herr der Fliegen“ und „Im Land der letzten Dinge“ tritt dieses Schema auf. Der Unterschied besteht darin, dass die Meute blind ist. Anfangs wird die Unbeholfenheit seiner namenlosen Figuren mit all den tragischen Konsequenzen geschildert. Manchmal jedoch scheint der Autor die Blindheit der Figuren zu vergessen.
Dieser Teil ist dennoch ausgezeichnet, es zieht einen ziemlich runter, so gut ist es geschrieben.

Irgendwann gelingt ihnen der Ausbruch aus der Irrenanstalt. Von hier an gibt es nichts Neues zu erzählen. Die gesamte Stadt mittlerweile erblindet, wandelt die Menschheit ziellos durch die Gegend und besetzt fremde Wohnungen. Saramago erzählt nüchtern die Ausmaße dieser Epidemie, eigentlich die logischste Fortsetzung dieser Geschichte. Leider ernährt sich die komplette 2. Hälfte davon. Viele Wiederholungen, nervende Floskeln à la „Liebe macht blind“ und „Wut macht blind“ (die ausbaufähig sind) und nichts Motivierendes für den Leser darunter. Was so brillant begonnen hat, verliert sich am Ende in Nichtigkeiten. Und die Frage, die mich schon im ersten Kapitel beschäftigt hat, wird nicht beantwortet. Die Auflösung wäre schon Motivation genug. Wieso ist jeder von der Blindheit betroffen, außer dieser Frau? Wieso ist sie immun? Hat die Blindheit einen meteorologischen Ursprung? Zu starke Handynetzstrahlung? Wir werden es nicht erfahren!

Kann es daran liegen, dass der Leser von den Vorgängen im ersten Teil schon so "abgebrüht" war, dass ihn die weiteren Vorgänge nicht mehr so schockierten?

Nein, das glaube ich nicht. Vielmehr denke ich, Saramago wusste nicht, wie er seine Idee fortführt, was sich dann am Ende bemerkbar macht.

Gruß,
chip
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Beitragvon Pippilotta » 07.06.2008, 20:01

chip hat geschrieben:Nein, das glaube ich nicht. Vielmehr denke ich, Saramago wusste nicht, wie er seine Idee fortführt, was sich dann am Ende bemerkbar macht.


So einfach würde ich es mir nicht machen. Vielleicht will er auch einfach nur ausdrücken, dass man sich an jeden Zustand "gewöhnt"? Die Erblindung ist zum Alltag geworden,niemand wundert sich mehr, niemand ist mehr schockiert darüber. Es wird sogar auf die Blindheit "vergessen", sie ist zur Normalität geworden. Eigentlich genauso schrecklich, wenn nicht noch schrecklicher!
Herzliche Grüße
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Beitragvon Krümel » 11.06.2008, 15:23

Heute ist schon der dritte Tag an dem das Buch hier herum liegt, aber nicht gelesen wird. Ich finde das Buch eigentlich nur ekelhaft :evil: Und nach dem Kapitel, mein letztes, als die Frauen für das Essen sorgen müssen ... liegt es unberührt auf dem Nachttisch.
Ob ich es weiter lesen werde ... ? Lohnt es sich denn? Denn ich würde mich schon arg durch solche Schmierereien durchquälen :roll:
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Beitragvon Pippilotta » 11.06.2008, 19:59

Das ist aber sehr, sehr schade dass Dir das Buch so gar nicht zusagt! :-(

Ich mag solche "Endzeitszenarien", so aufrüttelnde Texte über die menschlichen Abgründe und genau das hat der Autor, finde ich, sehr gut und realistisch getroffen!
Herzliche Grüße
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